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StartseiteHome Orchester Interview Hande Özyürek

Interview mit der Geigerin Hande Özyürek

Aus dem Programmheft zum 2. Sonntagskonzert 2017/2018 am 26. November 2018

Hande Özyürek in der Stimmgruppe der Ersten Violinen des Münchner Rundfunkorchesters (Credit BR-Philipp Kimmelzwinger)
Hande Özyürek in der Stimmgruppe der Ersten Violinen des Münchner Rundfunkorchesters

Hande Özyürek, Sie wurden in Istanbul geboren und haben mit knapp elf Jahren begonnen, Geige zu spielen. Wie kamen Sie darauf? Für ein türkisches Mädchen war das vermutlich eher ungewöhnlich …

Meine Eltern haben zwar nicht jeden Tag klassische Musik gehört, aber sie haben schnell gemerkt, dass ich ein gutes Gehör besitze: Ich habe gern getanzt und viel gesungen. Schon mein Großvater, ein Mathematiklehrer, war kulturell sehr interessiert; er spielte Geige, hat in den 1940er Jahren sogar Noten aus Deutschland bestellt und kaufte ein Klavier für seine drei Töchter. Jedenfalls bin ich während der Grundschule zunächst probeweise ans Konservatorium gegangen. Ich machte einen Test in Gehörbildung und bekam einmal pro Woche Violinunterricht. Einen Monat später wusste ich: Das wird mein Beruf! Keiner hat mir Druck gemacht – ich war sowieso ein sehr fleißiges Kind, hatte immer die besten Noten. Nach zwei Jahren begann ich mit dem Konservatorium in Vollzeit, was auch Fächer wie Mathematik, Geschichte, Deutsch und Englisch umfasste – vergleichbar vielleicht mit dem deutschen Musikgymnasium. Danach habe ich an der Musikhochschule Violine und auch Komposition im Hauptfach studiert. Mit siebzehn sollte ich auf Wunsch meiner Lehrerin zur weiteren Ausbildung in die USA gehen, doch meine Mutter wollte mich noch nicht loslassen − mein Vater war bereits gestorben, kurz bevor ich mit der Geige angefangen hatte. Wir haben dann noch etwas gewartet; mit neunzehn kam ich mit einem Stipendium der Türkischen Stiftung für Erziehung nach Deutschland.

Wie sah Ihr Kompositionsstudium an der Musikhochschule in Istanbul aus?

Ich hatte davor schon drei Jahre lang intensiven Harmonielehreunterricht. Doch mein Professor, der in New York studiert hatte, meinte: „Alles was du bis jetzt gelernt hast, kannst du vergessen. Jetzt ist Minimal Music angesagt!“ Ich habe mich danach gerichtet, aber die Komposition mit minimalistischen Figuren und Rhythmen hat mir keinen Spaß gemacht; ich habe die Stilelemente der türkischen Musik vermisst, die wir nicht verwenden durften.

Die Ausbildung war also auf die westliche Klassik ausgerichtet?

Ziemlich! Schon für die Aufnahmeprüfung musste man ein Stück vorlegen, und Ahmed Adnan Saygun war in der Prüfungskommission. Das war eine große Ehre, denn er wird in der Türkei wie ein Gott verehrt, gehört zur ersten Generation von Komponisten nach Gründung der Republik. Ich habe ein Stück für Klavier und Geige geschrieben und es selbst vorgetragen. Er sagte: „Kind, was hast du da komponiert? 5/8-, 6/8-, 7/8-Takt!“ Ich habe geantwortet, dass ich nur das aufgeschrieben habe, was ich um mich herum höre, und ihn gefragt, warum er selbst auf diese Weise komponiert: Er hatte in Frankreich studiert, man hört ein bisschen Ravel aus seiner Musik heraus, aber auch die türkischen Wurzeln.

Welche Musikrichtungen in der Türkei gibt es generell?

Da ist zum einen die Volksmusik, die wir Straßenmusik nennen und die für die Osttürkei typisch ist. Sie wurde vor allem mündlich überliefert: zum Beispiel der Gesang zur Saz, einer Laute. Dann gibt es, vor allem im Westen, die türkische Kunstmusik, also die alte osmanische Musik, die dank der Sultane besser dokumentiert ist. Beides kann man heute sogar studieren. Dazu kommt die Popkultur − und die westliche klassische Musik. Nicht überall ist das Interesse dafür vorhanden, aber man versucht sie weiterzutragen: Sogar an der Universität in der anatolischen Stadt Batman gibt es jetzt Studiengänge dafür.

Sie haben nach Ihrer Ausbildung in der Türkei ein Aufbaustudium in Detmold sowie die Solistenklasse in Berlin bei Antje Weithaas und in Saarbrücken bei Joshua Epstein absolviert. Hatten Sie das Gefühl, dass Sie die klassische Musik anders interpretieren als Ihre deutschen Kommilitonen?

Ich habe es nicht so empfunden, denn meine Lehrerin in Istanbul hatte ebenfalls in Detmold studiert – bei Tibor Varga. Ich wusste also ungefähr, was mich erwartet. Trotzdem war es sehr schwer, die Solistenklasse abzuschließen, denn parallel dazu war ich Akademistin bei den Münchner Philharmonikern, und 2003 erhielt ich dann die Stelle als Erste Geigerin im Münchner Rundfunkorchester. Aber Joshua Epstein war sehr entgegenkommend. Einmal kam ich um neun Uhr abends in Saarbrücken an und hatte am nächsten Tag um zehn Uhr vormittags Prüfung. Er fragte: „Wie viel Zeit haben wir?“ Ich meinte: „Sie müssen jetzt eigentlich ins Bett!“ Doch dann haben wir die Nacht durchgearbeitet. Ich habe kurz geschlafen, die Prüfung absolviert und bin dann zurück nach München gefahren. Viel auf einmal, aber ich liebe das! Oft fange ich morgens um 5.30 Uhr zu üben an; zusätzlich zum Orchesterdienst unterrichte ich auch und habe Proben für andere Projekte, auch in der Türkei. Vor Kurzem bin ich bei einer bekannten Konzertreihe der Boğaziçi-Universität aufgetreten – zusammen mit dem Bratscher Norbert Merkl und dem Cellisten Alexandre Vay aus dem Rundfunkorchester und der Solooboistin aus dem Staatlichen Symphonieorchester Istanbul.

2010 gab das Münchner Rundfunkorchester ein Konzert mit türkischer Musik. Sie haben dabei als Solistin zwei Sätze aus dem Violinkonzert von Ulvi Cemal Erkin gespielt. Was ist das Besondere an diesem Werk?

Erkin hat wie Saygun in Paris studiert. An seinem Violinkonzert gefällt mir besonders, dass er eine tolle Mischung aus westlicher klassischer Musik und türkischen Einflüssen geschaffen hat. Es ist ihm also gelungen, seine eigene Sprache zu finden. Und das Konzert liegt sehr gut für die Geige. Im zweiten Satz gibt es eine Melodie, die seiner Vorstellung nach klingen soll, wie von einer Bratsche gespielt. In einer Kritik nach dem Konzert wurde genau dies angemerkt; da habe ich „Hurra“ gerufen, denn ich hatte mein Bestes gegeben, um es so eindringlich wie möglich zu gestalten.

Beim bedeutendsten Klassiklabel der Türkei haben Sie 2007 die CD Face to Face With Saygun mit Werken von Ahmed Adnan Saygun herausgebracht. Was wollten Sie damit zeigen?

Ich fand es unglaublich, dass sein komplettes Werk für Violine noch nicht auf CD erschienen und seine Sonate noch überhaupt nicht aufgenommen worden war; schon durch mein Kompositionsstudium war ich sehr an seinem Schaffen interessiert. Für die CD haben außerdem zwei zeitgenössische Komponisten, Schüler von Saygun und Lehrer an der Musikhochschule in Istanbul, je ein Stück für mich geschrieben. Ich denke, solch ein Projekt hat in der Türkei bis dahin gefehlt. Interessant ist, wie die CD damals aufgenommen wurde: Als Abdullah Gül 2007 zum Präsidenten gewählt wurde – er war Vorgänger von Erdoğan in diesem Amt −, berichteten alle Zeitungen über ihn. Nur ein bekannter Musikkritiker schrieb genau an diesem Tag über meine CD, was für großes Aufsehen sorgte. Ein langer Artikel zu einem kulturellen Thema!

Welche Projekte verfolgen Sie aktuell?

Ich arbeite gern regelmäßig mit anderen Künstlern zusammen – zum Beispiel seit siebzehn Jahren mit dem Pianisten Fedele Antonicelli, Professor an der Hochschule für Musik Saar. Seit drei Jahren gibt es außerdem ein Projekt in Istanbul, bei dem ich Konzertmeisterin bin und das ich gemeinsam mit einem befreundeten Hornisten aus dem Symphonieorchester von Istanbul entwickelt habe. Dabei treffen sich türkische Musiker aus ganz Europa, die entweder irgendwo in einem Orchester spielen oder sich zumindest schon im Aufbaustudium befinden, und geben ein Konzert. Das ist jedes Mal ein großes Ereignis; wir treten in einem bekannten Saal auf, der nach dem Komponisten Cemal Reşit Rey benannt ist.

Sie haben auch als Professorin an der Musikhochschule in Istanbul unterrichtet. Wie lief das ab?

Ich hatte meine Kontakte nie abgebrochen, war auch schon Dozentin dort und hatte eine Doktorarbeit über Sayguns Werke für Violine geschrieben. Vier Jahre lang habe ich dann jeweils zwei Wochen hier, zwei Wochen in Istanbul gelebt. Am Schluss wusste ich nicht mehr, wohin ich gehöre, aber es war eine sehr wichtige Erfahrung für mich. Ich habe großen Respekt vor denjenigen, die dort arbeiten und idealistisch ihren Weg gehen. Und ich habe drei Studenten zum Abschluss gebracht; eine davon studiert jetzt in Berlin und ist Akademistin bei den Düsseldorfer Symphonikern.

Sie sind nicht nur eine virtuose Geigerin, sondern auch eine kulinarische Botschafterin Ihrer türkischen Heimat, haben fast vier Jahre lang ein Restaurant als Inhaberin geführt. Ging da ein Traum in Erfüllung?

Ich hatte schon lange den Wunsch, ein Restaurant zu eröffnen, bevor ich es 2012 in die Tat umgesetzt habe; sogar die Inneneinrichtung habe ich selbst gestaltet. Das war sozusagen mein Hobby. Auch in der Küche habe ich aktiv gearbeitet und mir alles abgeschaut, ich habe kellnern gelernt und das Mixen von Cocktails. Einmal habe ich sogar für zwei Tage den Chefkoch ersetzt. Nur die Aufgabe, das Fleisch von den heißen Spießen zu nehmen, habe ich dem Spüler übertragen, denn wenn ich so etwas machen würde, wäre ich als Geigerin erledigt. Ich bin froh über diese Einblicke, das hat meinen Horizont sehr erweitert. Und ich kann jetzt Freunden in der Gastronomie mit meinen Erfahrungen helfen.

Weitere Interviews mit Mitgliedern des Münchner Rundfunkorchesters finden Sie hier:

Josef Bierlmeier, Trompete
Christiane Dohn, Flöte
Florian Eutermoser, Violine
Mihnea Evian, Violine (mittlerweile in Ruhestand)
Franz Kanefzky, Horn
Malgorzata Kowalska-Stefaniak, Viola
Andreas Moser, Schlagzeug
Henry Raudales, Violine (Erster Konzertmeister)
Peter Schlier, Kontrabass
Hanna Sieber, Horn
Uladzimir Sinkevich, Violoncello
Stefana Titeica, Violine

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