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StartseiteHome Orchester Interview Nu Lee Joung

interview mit der geigerin nu lee joung

Aus dem Programmheft zum 1. Mittwochskonzert 2020/2021 am 21. Oktober 2020

1. Sonntagskonzert 2019/2020 / Attila (Credit Michaela Jung)
Die Geigerin Nu Lee Joung (ganz links) bei der konzertanten Aufführung von Verdis „Attila“ im Oktober 2019

Nu Lee Joung, Sie haben mit 14 Jahren in Ihrer Heimatstadt Seoul mit dem Violinspiel begonnen – für eine professionelle Laufbahn eigentlich relativ spät. Wie kamen Sie zu Ihrem Instrument?

Eigentlich hätte ich gerne schon viel früher damit anfangen, mit neun oder zehn. Doch meine Eltern wollten lieber, dass ich ein anderes Instrument lerne – das Üben auf der Geige hört sich bei einem Anfänger nicht so schön an. Daher habe ich mit Querflöte begonnen, doch Flöte ist nicht „mein Ding“. Als ich elf war, bekam ich zu Weihnachten eine Violine, und mit vierzehn durfte ich dann endlich anfangen. Meine Eltern spielen kein Instrument. Aber als ich klein war, hatte ich im Fernsehen ein Konzert mit der Geigerin Sarah Chang gesehen. Sie hatte ein tolles Kleid an und stand als Solistin ganz vorne vor dem Orchester. Das hat mir sehr gefallen, und ich habe meiner Mutter gesagt, dass ich unbedingt Geige lernen möchte.

Dann haben Sie wohl hart gearbeitet, um schnell voranzukommen …

Ja, ich habe nur für die Geige gelebt und jeden Tag acht Stunden geübt: fünf Stunden Tonleitern und Etüden, drei Stunden Repertoirestücke wie zum Beispiel die Partiten von Bach oder Solokonzerte. Drei Jahre lang besuchte ich ein Kunst- und Musikgymnasium und hatte Unterricht bei einer Lehrerin, die in den USA studiert hatte. Davor habe ich ein Jahr lang das e-Moll-Violinkonzert von Mendelssohn vorbereitet, um die Aufnahmeprüfung am Gymnasium zu bestehen.

Viele Südkoreaner lieben die westliche klassische Musik und wollen in Deutschland studieren. Wie war es bei Ihnen?

Nach dem Bachelor in Seoul wollte ich auch hier studieren, denn die Geige stammt ja aus Europa. Und nach dem Master wollte ich wieder zurück nach Südkorea. Doch dann ging es immer weiter.

Konnten Sie schon Deutsch, als Sie mit 22 Jahren ans Leopold-Mozart-Zentrum der Universität Augsburg kamen?

Nein, ich hatte in Seoul nur drei Monate lang das Alphabet, Aussprache und Grammatik gelernt. In Augsburg habe ich dann ein halbes Jahr lang einen Kurs gemacht, doch ich lerne immer noch. Und ich verstehe auch ein bisschen Bayerisch!

Wie haben Sie das Leben hier wahrgenommen – war es ein Kulturschock?

Das vielleicht nicht, aber es gibt viele Kleinigkeiten, die anders sind als in Korea. Das Duzen fiel mir am Anfang sehr schwer. In Korea kennen wir verschiedene Höflichkeitsformen: Wenn jemand ein Jahr älter ist als ich, muss ich ihn zum Beispiel siezen, auch wenn man gut bekannt ist. Während des Praktikums bei den Augsburger Philharmonikern sollte ich die Kolleginnen und Kollegen duzen, aber gerade bei den Älteren war das sehr ungewohnt für mich.

Was war im Studium in Deutschland anders als in Korea?

In Korea war ich den ganzen Tag unterwegs. Entweder ich war an der Uni zum Üben, im Theorieunterricht oder mit Freunden zusammen. In Deutschland habe ich mich gewundert, dass ich schon um 14 Uhr zuhause auf dem Sofa sitzen kann. Hier hat man mehr Freiheiten; es geht lockerer zu und man darf während des Unterrichts auch mal kurz rausgehen. Doch ich bin ein fleißiger Mensch, deshalb habe ich immer hart gearbeitet.

Was hat Ihnen hier spontan am besten gefallen – und was aus Ihrer Heimat vermissen Sie am meisten?

Natürlich fehlen mir meine Familie und meine Freunde. Sehr überrascht war ich anfangs, dass in Deutschland um 20 Uhr alle Geschäfte schließen. Als ich nach dem Üben etwas essen wollte, musste ich zum Hauptbahnhof, um noch etwas zu bekommen. In Korea geht es abends erst los! Die Geschäfte sind hell erleuchtet, es ist laut; die Atmosphäre ist ganz anders. Hier gefällt mir die Natur. Ich mache gerne Sport, gehe laufen – zum Beispiel im Münchner Westpark. Und vor meinem Studentenwohnheim in Augsburg gab es auch viel Grün. So sammle ich Kraft und halte mich fit. In Korea hat meine Mutter für mich gekocht, aber hier muss ich selber auf meine Gesundheit und Ernährung achten; zu Beginn habe ich nur Brot und Schokolade gegessen. (lacht)

An der Hochschule für Musik in Mainz haben Sie 2018 das Konzertexamen abgelegt.

Ja, dort habe ich gelernt, frei zu spielen. Meine Professorin Anne Shih ist Kanadierin mit chinesischen Wurzeln: eine sehr nette und offene Person. Ich habe menschlich und musikalisch viel von ihr gelernt. Zuvor hatte ich sehr diszipliniert nach den Regeln gespielt; ich musste lernen, mehr Fantasie zuzulassen und aus mir herauszugehen. Inzwischen bin ich auf der Bühne viel mutiger.

Als Solistin gaben Sie bereits in Seoul Konzerte – und später in Europa u.a. im Violinmuseum in Cremona. Wie war dieses Erlebnis?

Wunderschön! Die Architektur des Konzertsaals erinnert an eine Geige – sehr eindrucksvoll. Und Cremona zählt zu den wichtigsten Städten für den Geigenbau. Ich wurde damals von den Mainzer Virtuosi begleitet – einem Kammerorchester, das meine Professorin gegründet hat und in dem ich Mitglied war. Während des Studiums war ich außerdem Primaria [Erste Geigerin] des Modu-Quartetts.

Wichtige Erfahrungen haben Sie u.a. als Praktikantin und Aushilfe bei den Augsburger Philharmonikern sowie als Akademistin am Hessischen Staatstheater Wiesbaden und im Frankfurter Opern- und Museumsorchester gesammelt. Wie kamen Sie 2018 zum Münchner Rundfunkorchester?

Es ist nicht leicht, eine feste Stelle zu finden. 2017 hatte ich fünf Probespiele – das letzte davon beim Münchner Rundfunkorchester. Ich habe die Stelle zunächst nicht bekommen, wurde aber als Aushilfe genommen und bekam dann im Januar 2018 einen Zeitvertrag. Einen Monat später gab es wieder ein Probespiel. Ich habe teilgenommen, und dieses Mal hat es geklappt!

Welches war Ihr bislang schönstes Erlebnis im Rundfunkorchester?

Besonders gern erinnere ich mich an „Happy Birthday, Lenny!“ zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein. Das war eine Produktion der Theaterakademie August Everding mit Musik aus seinen Musicals – und auf der Bühne gab es viel zu sehen. Es war mein erstes Projekt als fest angestelltes Orchestermitglied, und ich war sehr glücklich!

Das Gefühl, im Orchestergraben zu spielen, so wie bei den Produktionen der Theaterakademie im Prinzregententheater, kannten Sie vermutlich schon.

Ja, aus meiner Zeit als Akademistin an der Frankfurter Oper. Dort habe ich zum Beispiel Rigoletto gespielt. Ich liebe dieses Werk! Und in Wiesbaden war ich bei allen vier Abenden von Wagners Ring dabei. Allein für die 90 Seiten der Götterdämmerung habe ich drei Tage je acht Stunden gebraucht, nur um das Stück einmal „durchzulesen“ und zu sehen, wo die schweren Stellen sind. Danach kam das eigentliche Üben.

Wie ist es Ihnen in der ersten Zeit der Corona-Krise ergangen, als keine Konzerte stattfinden durften?

Am Anfang war es sehr traurig, ohne Konzerte, ohne Publikum zu sein. Ein kleiner Virus verändert das Leben der ganzen Menschheit, und ich wusste erst einmal nicht, was ich als Musikerin tun könnte. Aber dann haben wir – also einige Mitglieder des Rundfunkorchesters – jeder für sich zuhause den berühmten Kanon von Johann Pachelbel mit dem Handy aufgenommen. Die Stimmen wurden in einem Video zusammengesetzt, das ins Internet gestellt und den Helferinnen und Helfern in der Corona-Krise gewidmet wurde.

Wie haben Sie bei den ersten Pilotprojekten das Musizieren mit Abstand und das Proben mit Maske empfunden?

Ich habe bei der Übertragung unseres „Geisterkonzerts“ vom Mozartfest Würzburg, bei einem TV-Festkonzert zur Übergabe der EU-Ratspräsidentschaft von Kroatien an Deutschland und bei einer CD-Produktion mit der Songwriterin Lisa Morgenstern mitgewirkt. In den Proben haben wir zuletzt ohne Maske gespielt, aber mit Sicherheitsabstand und jeder an einem eigenen Pult. Ich vermisse meine Pultnachbarn sehr – es fühlt sich jetzt eher wie Kammermusik an. Da ich in der Regel ganz hinten sitze, ist der Abstand zum Dirigenten groß. Man hört sich untereinander nicht so gut, die Koordination ist schwieriger. Aber inzwischen habe ich mich ein bisschen daran gewöhnt.

Kann Musik in Zeiten der Krise helfen?

Ja, sie kann trösten. Zu Beginn der Corona-Krise gab es einen Aufruf an alle Musikerinnen und Musiker in Deutschland, am 22. März um 18 Uhr Beethovens Ode an die Freude spielen. Ich habe mitgemacht, genauso wie zum Beispiel meine Kollegen Eugene Nakamura und Emmanuel Hahn (ebenfalls Violine). Ich war gerade in Aachen, habe einfach das Fenster geöffnet und gespielt. Unten standen Leute, haben überrascht geschaut, woher der Klang kommt, und geklatscht. Ich habe gemerkt, dass ich zumindest ein paar Menschen mit der Musik etwas Gutes tun kann. Am Tag danach habe ich Videos von der Aktion aus anderen Städten gesehen: Der eine hat gesungen, der andere Cello gespielt und so weiter. Einen Aspekt unserer Aktivitäten im Rundfunkorchester konnte ich übrigens selber gut nutzen: Ich wollte meinen Eltern in Korea schon immer einmal zeigen, was ich spiele, wo ich übe und wie die Konzerte ablaufen. Jetzt ging das ganz einfach per Video oder Livestream im Internet. So konnte ich sie gut erreichen. Die digitale Welt wächst zusammen.

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