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StartseiteHome Orchester Interview Julia Bassler

Interview mit der Geigerin Julia Bassler

Aus dem Programmheft zum 4. Konzert Mittwochs um halb acht 2017/2018 am 9. Mai 2018

Manon Lescaut unter der Leitung von Marco Armiliato, Salzburger Festspiele 2016 (Credit Marco Borrelli)
Julia Bassler ist in der 1. Reihe als Vierte von links zu sehen.

 

Julia Bassler, was lieben Sie an der Violine?

Ich mag die Geige, weil sie ein sehr facettenreiches Instrument ist – im traditionellen Kontext, aber auch in anderen Musikbereichen, denn ich mache nicht nur klassische Musik. Letztendlich war es Zufall, dass meine Eltern mir dieses Instrument ausgesucht haben. Beide sind Hobbymusiker; mein Vater ist von Beruf Professor für Psychosomatik, meine Mutter Pfarrerin. Ich sollte in der Grundschule eine Klasse überspringen, aber meine Eltern wollten das nicht, weil ich dann überall die Jüngste gewesen wäre. Meine Blockflötenlehrerin meinte daraufhin, ich solle doch zur Beschäftigung einfach das schwierigste Instrument lernen, das es auf der Welt gibt: die Geige. (lacht)

Im Internet ist ein Video von Ihnen mit einem eigenen Stück unter dem Titel Gedanken einer Reise zu sehen. Sprechen Sie durch die Geige?

Das ist mir auf jeden Fall ein Anliegen. Und um Stücke auswendig zu lernen, habe ich früher immer Geschichten aufgeschrieben und bin dann gedanklich anhand der verschiedenen Stationen spazieren gegangen. Ich wusste: Jetzt kommt die Stelle, an der ich durch den Wald laufe, dann die, an der ich auf eine Lichtung gehe, und so weiter. So kann ich mir eine Komposition gut merken.

Ihren ersten Violinunterricht erhielten Sie gleich am Konservatorium in Mainz. In welchem Rahmen war das?

Das war zunächst wie an der Musikschule. Die Lehrerin unterrichtete eigentlich nur Studenten und Jungstudenten, hat mich aber dankenswerterweise als Schülerin aufgenommen. Später war ich dann auch Jungstudentin bei ihr. Eigentlich habe ich ihr zu verdanken, dass ich Geigerin geworden bin. Sie führte ein Leben, das mich sehr beeindruckt hat: eine Grande Dame der Klassik. Einmal im Monat veranstaltete sie Hausmusikkonzerte, und die Wochenenden verbrachte sie in einem Bauernhaus auf dem Land, in das sie auch Schüler mitnahm. Ich habe dort eine schöne Zeit verbracht: Es gab sieben Katzen und Pferde, die man betreuen durfte. Sie sagte mir, ich müsse sofort Kammermusik machen, das sei der Schlüssel zu allem. Mit sieben Jahren steckte sie mich in ein Klaviertrio, mit acht war ich beim ersten Wettbewerb dabei; insgesamt haben wir zehn Jahre in derselben Besetzung zusammen gespielt.

Später studierten Sie bei Christoph Schickedanz und Anke Dill in Mainz und Stuttgart sowie bei Johannes Leertouwer in Amsterdam. Wie haben Sie die Ausbildung in Holland, auch im Unterschied zu Deutschland, erlebt?

Ich hatte in Amsterdam nur noch Unterricht im Hauptfach. So war Zeit, auch anderes auszuprobieren: Unterricht in Jazzgeige, Jazzharmonielehre, Kammermusik und das Spielen in einer Band. Die Niederländer waren damals pädagogisch schon viel weiter als wir in Deutschland. Der Unterricht wurde als Video oder Audio aufgenommen, das man anschließend streamen konnte. Auch die wöchentlichen Klassenvorspiele wurden sofort online gestellt. Es war also ein hoher Druck da, aber die Rahmenbedingungen waren sehr gut. Damals war gerade das neue Konservatorium fertiggestellt worden: ein riesiger „Glaskasten“ direkt am Hauptbahnhof. Von den Übekabinen aus schaut man beim Spielen direkt aufs Wasser und auf die Schiffe.

Waren Sie schon immer offen für verschiedene Musikrichtungen?

Ja, ich wollte ursprünglich auch nicht klassische Geige studieren, sondern Jazzgeige. Mit sechzehn fing ich an, auf Jazzsessions zu gehen; Stéphane Grappelli war mein Vorbild. Aber dann merkte ich, dass viele Jazzgeiger in der technischen Ausbildung Defizite haben. Deshalb entschied ich mich für den klassischen Weg. In Amsterdam ergab sich die Möglichkeit, bei dem Saxofonisten Yaniv Nachum zu studieren. Man sagt, dass Saxofon und Geige sich von der Phrasierung her im Jazz sehr ähnlich sind. Ich wollte unbedingt mit jemandem arbeiten, der mir genau das zeigt. Heute bin ich in meinem Quartett Passo Avanti, das eine Symbiose von Jazz und Klassik pflegt, diejenige, die eher von der Klassik aus denkt. Aber zurzeit nehme ich privat wieder Jazzgeigenunterricht. Beide Richtungen können voneinander profitieren: Jazzmusiker denken nicht zuletzt stärker in harmonischen Kategorien. Das bringt mir viel fürs Orchesterspiel, weil ich dadurch, wenn wir neue Werke einstudieren, die Strukturen schneller durchschaue. Bei dem Programm mit Musik von Leonard Bernstein in dieser Saison hat mir das zum Beispiel sehr geholfen.

Sie wurden in Den Haag in Musikmanagement und Musikvermittlung ausgebildet. Warum war Ihnen diese Ergänzung zum praktischen Instrumentalspiel wichtig?

Das war zunächst aus der Not heraus geboren. Einen Tag nach meiner Abschlussprüfung in Amsterdam brach ich mir bei einem Fahrradunfall das Schlüsselbein. Die medizinische Versorgung in Holland war nicht optimal und mein Schlüsselbein wuchs nicht zusammen. Ich suchte nach Alternativen, und mein Geigenprofessor wies mich auf einen neuen Studiengang hin. Offiziell hieß er Musikmanagement, aber es ging eher darum, wie man neue Aufführungskulturen entwickeln und wie man Menschen, die keine klassische Musik hören, „abholen“ kann. Es war eine harte Zeit, weil ich ein Jahr lang nicht wusste, wie es weitergeht. Ich habe dann trotzdem unter Schmerzmitteln mein Diplom in Stuttgart gemacht und schließlich einen Chirurgen an einer Sportklinik gefunden, der mich operiert hat. Dann war klar, ich kann wieder geigen.

Von 2009 bis 2011 waren Sie Mitglied im Gewandhausorchester Leipzig. Man sagt den mitteldeutschen Orchestern einen ganz eigenen (Streicher-)Klang nach. Können Sie das bestätigen?

Ja, der Klang ist sehr weich. Auch wenn Fortissimo oder Akzente vorgeschrieben sind, wird nie hart gespielt. Es ist immer ein sanfter Eingang mit dem Bogen. Oder wie Riccardo Chailly, der damalige Chefdirigent, sagte: „Isch liebe dieseʼ Velourklang.“ Er hat das sehr zelebriert. Das Gewandhausorchester ist auch insofern speziell, als alle sehr spät nach dem Schlag des Dirigenten einsetzen. Daran muss man sich erst gewöhnen; hier beim Münchner Rundfunkorchester haben wir eine andere Tradition. Die Zeit in Leipzig war für mich sehr lehrreich, weil ich das Glück hatte, bei allen anstehenden Tourneen mitzumachen. Ich war insgesamt fünf Monate auf Tour und habe so in allen tollen Konzertsälen der Welt gespielt, in denen man einmal gewesen sein möchte. In meiner ersten Saison haben wir gleich bei den „Proms“ in der Royal Albert Hall in London vor mehreren Tausend Leuten gastiert. Dann kamen große Reisen nach Asien und Amerika.

Seit 2011 gehören Sie dem Münchner Rundfunkorchester als Vorspielerin der Zweiten Geigen an. Was war Ihr bislang schönstes Erlebnis hier?

Ich fand die letzte Tournee mit Bobby McFerrin sehr schön. Er ist eher ein Musiker im umfassenden Sinn als ein Dirigent. Das Tolle war, dass er uns einfach hat spielen lassen. Er hatte das volle Vertrauen, dass wir gemeinsam mit ihm Musik machen, ohne dass er uns führen muss. Ich mag es gerne, wenn ein Orchester die Möglichkeit hat, selbstbestimmt zu spielen, und man sich auf Augenhöhe begegnet. Beim Gewandhausorchester gab es manchmal ein sehr großes Machtgefälle zwischen Dirigent und Orchester. Das haben wir hier nicht in dieser Form. Zu den besonderen Erlebnissen mit dem Rundfunkorchester gehören für mich auch die Gastspiele bei den Salzburger Festspielen. Und ich bin sehr glücklich über unseren neuen Chefdirigenten Ivan Repušić. Er hat eine genaue Vorstellung davon, was er musikalisch haben will, und fordert das gleich von der ersten Probe an ein. Auch die Zusammenarbeit mit dem PULS Festival finde ich super. Das Projekt hat noch viel Potenzial; ich könnte mir gut vorstellen, mit den Bands einmal länger zusammenzuarbeiten. Wir Musikerinnen und Musiker vom Rundfunkorchester werden bei diesen Auftritten immer sehr gefeiert. Viele aus dem Publikum waren wahrscheinlich noch nie in einem klassischen Konzert und sind es gewohnt, dass der DJ einen Knopf am Laptop drückt. Wenn dann plötzlich zehn Instrumentalisten handfeste Musik machen, ist das für das Publikum sicher faszinierend.

Konnten Sie beim Münchner Rundfunkorchester schon einmal Ihre Kenntnisse in Musikvermittlung einsetzen?

Ja, ich habe parallel zu meinem Probejahr noch eine Meisterklasse für Music Education bei der Körber-Stiftung absolviert: An verschiedenen Konzerthäusern in Europa haben wir untersucht, wie Musikvermittlung gemacht wird und inwieweit man klassische Konzerte für das Publikum von Morgen aufbereiten kann. In diesem Rahmen durfte ich mir das Konzept für ein Kinderkonzert des Rundfunkorchesters überlegen. Unter dem Titel „Herr Allemande geht tanzen“ habe ich ein Programm mit Barockmusik entwickelt, bei dem auch zwei Tänzer und ein Sprecher dabei waren. Es ging darum, dass Herr Allemande und Frau Sara Bande sich auf einem Ball in Versailles verlieben und nicht miteinander tanzen können, weil die Allemande im 4/4-Takt und die Sarabande im 3/2-Takt steht. Das Publikum hat Herrn Allemande dann beigebracht, wie man auf einen Dreiertakt tanzt. Es ist schön, wenn man die Möglichkeit erhält, solche Ideen umzusetzen!

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