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Rundfunkorchester backstage

Nonverbale Kommunikation im Orchester

Von BR-KLASSIK-Reporterin und Konzertpädagogin Uta Sailer

„Ich sage was, was du nicht hörst!“
Blicke, Gesten, Haltung, Mimik – ohne sie ist die klassische Musik, wie wir sie heute pflegen und genießen, undenkbar. Was wäre, wenn der Dirigent, statt seine Ideen mit Händen anschaulich zu machen, ständig ins Orchester brüllte: „Einatmen und Eins, los geht’s! Flöte, jetzt die Flöte, lauter bitte! Pssst, die Geigen pianissimo – hab ich doch gestern schon gesagt! Jetzt den Klang anschwellen lassen, großes Crescendo! Und der Schlussakkord, der muss knackig kommen!“ Aller Hörgenuss wäre dahin. Ingo Nawra, Solokontrabassist im Münchner Rundfunkorchester, bringt es auf den Punkt: „Man kann nicht dauernd verbal kommunizieren – das wäre ja ein Wahnsinns-Tohuwabohu.“

Wildes Netz aus Blicken und Gesten
Die nonverbale Kommunikation ist die Amtssprache eines Symphonieorchesters – in der Probe und erst recht im Konzert. Im Orchester wird das, was gemeinhin eher unbewusst vonstattengeht, ganz bewusst eingesetzt mit einem klaren Ziel: Musik zu machen, die unter die Haut geht. Dabei ist es keineswegs so, dass die nonverbale Kommunikation eine Einbahnstraße zwischen Dirigent und Orchester ist. Vielmehr gleichen ihre Wege einem stark frequentierten Autobahnkreuz. Blicke und Gesten rasen auf zahlreichen Straßen von Dirigent zu Konzertmeister, von Konzertmeister zu Stimmführer, von Stimmführer zu Tuttist, und das ganze gleichzeitig in alle Himmelsrichtungen – unfallfrei.

„Man kann nicht nicht kommunizieren“

„Man kann nicht nicht kommunizieren“ – jene Worte schrieb der Autor Paul Watzlawick und bezog sich damit auf all jenes, was wir sagen, ohne ein einziges Wort von uns zu geben – die nonverbale Kommunikation. Alles, was wir durch Mimik, aber auch durch Körperhaltung, äußere Erscheinung und Gestik von uns geben, verrät mehr über uns als das, was wir aussprechen. Denn so sehr wir uns auch bemühen, unsere Gefühle zu verbergen – es ist unmöglich. Wir können zwar lächeln, obwohl es uns schlecht geht. Wir können zustimmen, obwohl wir innerlich dagegen sind.

Das Gegenüber aber wird es merken. Warum? Weil unsere Gesichtsmuskulatur mit dem limbischen System, dem Emotionszentrum, verbunden ist, das wesentlich schneller arbeitet als unser Großhirn, welches kontrolliert und steuert. Das bedeutet: Noch ehe ich die Möglichkeit habe, mich zu entscheiden, ein Gefühl zu verstecken, blitzt es bereits aus meinen Augen. Die Wahrheit zeigt sich. Als Nicht-Musiker nimmt man diese Tatsache in Kauf und baut darauf, dass das „du“ es nicht spürt, wenn wir, überzeugt von unseren schauspielerischen Fähigkeiten, unser Maskenspiel treiben. Für einen Musiker hingegen ist es ratsam, sich seiner nonverbalen Äußerungen bewusst zu sein, denn sie haben weitreichende Folgen: Ein unpassender Einatmer wird zu einem wackeligen Einsatz. Ein schräger Blick zum Kollegen vermasselt harmonisches Zusammenspiel und eine unbewusste Armbewegung kann einen falschen Ton verursachen.

Geigerin Julia Bassler

Ganz vorne dran: die Stimmführer
Kein Wunder, dass Musiker Vollprofis in nonverbaler Kommunikation sind. Jeder im Orchester wendet sie an und trägt damit zum Gelingen eines Konzertes bei. Musiker auf leitenden Positionen haben hier besondere Verantwortung – allen voran die Stimmführer, die ihre jeweilige Instrumentengruppe leiten und lenken: „Im besten Fall machen die ersten Pulte Kammermusik und sind in ihrer Körpersprache so klar, dass es automatisch nach hinten weitergegeben wird“, sagt Geigerin Julia Bassler – seit 2011 als Vorspielerin der Zweiten Geigen im Münchner Rundfunkorchester tätig.

Orchestermusik kann in diesem Sinne als groß gezoomte Kammermusik verstanden werden – allerdings unter erschwerten Bedingungen. Denn während in kammermusikalischen Ensembles die Distanzen zwischen den Musikern gering sind, müssen die Musiker im Orchester gewaltige Entfernungen überbrücken, um miteinander in Kontakt zu treten. Kontrabassist und Pauker etwa sitzen schon mal sechzehn Meter voneinander entfernt. Für den Solobassisten Ingo Nawra ist das eine spezielle Herausforderung: „Wir müssen oft gemeinsam spielen. Wenn es beim ersten Mal nicht geklappt hat, dann schauen wir uns beim nächsten Mal an.“

„Schau mir in die Augen, Kleines!“
Der Augenkontakt ist eines der wichtigsten Mittel nonverbaler Kommunikation im Orchester. Im normalen Leben heißt es: Mehr als 3,3 Sekunden sollte ein Blick nicht dauern – sonst fühlt sich der Angeblickte angehimmelt oder auch abgetörnt. Dirigent und Orchestermitglieder dürfen getrost länger schauen. Was genau aber steuern Musiker mit ihren Augen? Ein Blick kann einen Einsatz anzeigen, das Zusammenspiel verschiedener Instrumente abstimmen, den Ausdruck der Musik vermitteln. All das betrifft die bewussten Blicke. Die unbewussten sind aber gleichfalls äußerst sprechend, erzählt Konzertmeister Henry Raudales: „Wenn jemand auf eine bestimmte Art schaut, dann sehe ich, dass er denkt: ,Das ist mir jetzt egal, was der Konzertmeister hier zeigt.‘ Manche Blicke sagen auch: ,Ah, du hast mich jetzt erwischt!‘ Das ist ein Spiel.“

Henry Raudales (c) BR
Henry Raudales, Erster Konzertmeister

Die dritte Hand des Dirigenten: der Konzertmeister
Henry Raudales steht unter besonderer Beobachtung – als Erster Konzertmeister fungiert er als Bindeglied zwischen Dirigent und Orchester und hat damit die zweite Führungsposition nach dem Dirigenten inne. Pflichtrituale inklusive: Shakehands zu Beginn des Konzertes mit dem Dirigenten, das „Go“-Zeichen für das Einstimmen des Orchesters und ebenfalls das „Stop“. Manchmal ist es auch der Konzertmeister, der das gesamte Orchester mittels nonverbaler Kommunikation dazu auffordert, aufzustehen und den Applaus entgegenzunehmen. Das Verhältnis Dirigent – Konzertmeister gleicht einer innigen Beziehung. Im Falle des Chefdirigenten Ivan Repušić, der ca. 15 Programme pro Saison leitet, ist diese langfristig und vertrauensvoll. Im Falle der zahlreichen Gastdirigenten, die für einmalige Projekte eingeladen werden, handelt es sich eher um eine kurze Liaison – mehr oder weniger liebevoll. Henry Raudales erinnert sich an einen Fall, in dem die Chemie dieser Zwangsconnection nicht ganz stimmte: „Jedes Mal, wenn wir gespielt haben, hat der Dirigent sofort zu mir geguckt, so nach dem Motto: Was machst du da? Er sagte zwar nichts, hat aber so geschaut. Ob jemand böse schaut oder mit Liebe, das merkt man sofort.“ Umso wichtiger ist es, dass Chefdirigent und Konzertmeister sich nicht nur zu Beginn eines Konzertes, sondern auch im übertragenen Sinne die Hand reichen.

Ein Männlein steht am Pulte …
… und ist fast stumm: der Dirigent! Macht ohne Worte. Eine Führungsaufgabe, die kein klares Profil hat. Es gibt keine allgemeingültige Dirgiersprache und viele Dirigenten üben ihren Beruf aus, ohne ihn jemals erlernt zu haben – Naturtalente! Und wer lockt nun das Weibliche ans Pult? Das Münchner Rundfunkorchester! Hier sind zunehmend auch Frauen mit dem Dirigierstab zu erleben. Grundsätzliche Unterschiede in der Art und Weise der nonverbalen Kommunikation zwischen Männern und Frauen empfinden die wenigsten Musiker. Aber Solohornistin Hanna Sieber ist fest davon überzeugt, dass Frauen am Pult mehr geben müssen, um dieselbe Autorität zu genießen wie ihre männlichen Kollegen. „Wenn eine Frau reinkommt, muss sie tapfer und stärker auftreten, als sie sich vielleicht fühlt. Ein Mann hat von vorneherein mehr Autorität.“

Hanna Sieber (c) BR
Solohornistin Hanna Sieber

Egal ob Frau oder Mann: Das erste Urteil wird binnen Sekunden gefällt – schon durch die Art und Weise, wie jemand den Raum betritt. Zweite Chance: der erste Einsatz. Ging beim Auftritt etwas schief, ist durch einen glasklaren Einsatz doch noch was zu retten. Klar im Vorteil ist der Chefdirigent, dessen Körpersprache den Musikern bereits vertraut und somit leicht entzifferbar ist.

Ivan Repušić wird von „seinem“ Münchner Rundfunkorchester, bei dem er seit 2017 Chef ist, bestens verstanden. Ein angenehmes Gefühl für ihn, es entbindet ihn aber keineswegs von der vollen Verantwortung: „Ich muss wach sein in jeder Sekunde. Mit meinen zwei Augen achtzig Musiker sehen.“ Sehen und zeigen. Empfangen und senden.

Alle Antennen ausfahren
Eines nach dem anderen? Nicht im Orchester! Hier wird Multitasking auf Höchstniveau praktiziert. Während jeder einzelne Musiker voll darauf konzentriert ist, seinen Part hervorragend zu spielen, ist er gleichzeitig auf Empfang eingestellt. Was spielt mein Nachbar? Wie interpretiert mein Stimmführer diese Stelle? Was zeigt der Dirigent? Passt das alles zusammen, und wenn nicht, auf wen höre ich? Ein solch komplexes Interagieren könnte überfordern. Für Musiker ist es Ansporn und Garant für geglücktes Musizieren, erzählt Solohornistin Hanna Sieber: „Das Gesamtwerk wird dann am besten, wenn alle ihre Fühler in alle Richtungen ausstrecken. Man spürt, ob die Leute auf eine unterbewusste Art miteinander vernetzt sind oder nicht. Dann erst lebt die Musik.“

Dem Schall ein Schnippchen schlagen
Das Ergebnis ist perfekt – der harmonische Zusammenklang aller Orchesterinstrumente. Exaktes Timing? Fehlanzeige! Das Gegenteil ist der Fall, denn „der Schall braucht zu lange, um da wirklich eine Genauigkeit herzustellen. Man spielt eher nach dem Auge als nach dem Ohr“, wie Solo-Oboist Jürgen Evers verrät. Die Abstände von den einzelnen Musikern zum Dirigenten und zum Publikum sind so verschieden, dass der Schall unterschiedlich lange braucht, um ans entsprechende Ohr zu gelangen. Die Musiker kalkulieren diese physikalische Tatsache ein und reagieren – wenn nötig – bewusst zeitversetzt zu den Gesten des Dirigenten, erzählt Jürgen Evers: „Ich darf dann nicht zu sehr darauf reagieren, was der Dirigent schlägt. Wenn ich pünktlich sein soll, muss ich etwas hinterher spielen, damit es am Ende zusammenpasst.“

Jürgen Evers (c) BR/Julia Müller
Solo-Oboist Jürgen Evers

SOS – Orchester-Notruf
Man hört es nicht, aber man sieht es! Wenn der Dirigent die Kontrolle über das Orchester verliert, dann geschieht es: Die Blicke wandern weg vom Dirigenten hin zum ersten Pult der Violinen – eine Art Geheimabsprache. Geigerin Julia Bassler kennt diese Situation: „Es gibt manche Dirigenten, die ihre Emotionen dann nicht mehr im Griff haben und in der Technik schlampig werden. In dem Fall ist der Konzertmeister die Rettung. So beginnt eine neue Kommunikation im Orchester.“

Der Dirigent schwelgt im Gefühl und wähnt sich im Glauben, das Orchesterschiff zu lenken. Das Orchester hingegen hat das Ruder längst in die Hände des Konzertmeisters gelegt. Gemeinheit? Mitnichten. Schließ lich geht es darum, ein erstklassiges Ergebnis zu erzielen und damit das Publikum zu beglücken. Offensichtlich am Dirigentenpult zu sägen, ist aber tabu. Gefährdet sind der Dirigent und dessen Macht ohnehin nur, wenn er sich in den Niederungen der Mittelmäßigkeit bewegt. Sicherer also ist es für den Maestro, mit einer klaren inneren Vorstellung und stimmigen Dirigiergesten abzuheben in die Leichtigkeit befreiten Musizierens. Treibstoff für einen solchen Höhenflug sind Führung und Loslassen gleichermaßen: Chefdirigent Ivan Repušić ist sich bewusst: „Zu viel Kontrolle ist nicht gut. Man muss offenbleiben und erstmal hören, wie das Orchester reagiert.“ Manchmal kommen die Ideen dessen auch noch von ganz anderer Stelle: vom Solisten, etwa bei den vielen konzertant aufgeführten Opern in den Sonntagskonzerten mit hochkarätigen Sängerinnen und Sängern aus der ganzen Welt. Dann sind die Antennen der Orchestermusiker doppelt weit ausgefahren.

„Ivan Repušić, unser Chefdirigent, hatte bei seinem ersten Konzert mit uns an einer Stelle abgebrochen und erklärt, wie er einen Übergang haben möchte. Mitten in der Erklärung
hielt er inne und wir haben die Stelle nochmal gespielt. Er hat einfach gezeigt, wie er es haben will. Sofort war allen klar, was er meinte. Hier hat das Nonverbale viel besser funktioniert als das Verbale. Diese Situation hat auch gezeigt, wieviel Zutrauen er hat.“

Jürgen Evers, Solo-Oboist im Münchner Rundfunkorchester

Großes Solo
Denn die melodischen Bögen der Sängerinnen und Sänger werden selten allein von den Stimmbändern gespannt. Meist wird der Gesang liebevoll begleitet von einem Bläsersolisten aus dem Orchester. Die Oboe steht bei den Komponisten vom Barock bis in die Romantik besonders hoch im Kurs. Deshalb ist Solo-Oboist Jürgen Evers bereits darauf geeicht, das, was die Solisten wollen, wahrzunehmen, obwohl er sie nur von hinten sieht: „Beim Einatmen, da tut sich was im Rücken. Man sieht auch kleine Bewegungen der Schultern. An ihnen kann ich merken, was der Sänger jetzt gleich macht. Dann versuche ich mich unauffällig dranzuhängen oder draufzusetzen, denn es soll ja zusammenpassen, was ich spiele, während er oder sie singt.“

Die Kraft des Geistes
Manchmal braucht es aber auch gar kein sichtbares Zeichen, um zu erkennen, was musikalisch gefragt ist. Dann, wenn der Geist spricht! Wenn die Vorstellungskraft eines Menschen so stark ist, dass andere ahnen, was er will. Sei es der Solist oder der Dirigent. Jürgen Evers kennt solche Momente, die an Telepathie erinnern: „Man entwickelt eine Intuition dafür. Es liegt in der Luft.“

Ivan Repušić (c) Ivan Repušić
Chefdirigent Ivan Repušić

Das Unsichtbare als Führungsinstrument ist keineswegs esoterisch. Wer Musik macht, spielt täglich mit dieser Vorstellungskraft. Die Fähigkeit, eine Melodie im Kopf vorauszuhören, gehört zum Handwerkszeug eines jeden Musikers. Was ich innerlich höre, kann ich auch spielen. Was ich mir nicht vorstellen kann, wird auch nicht real werden. Der Dirigent, dem ja „sein Instrument“, also das Orchester, zuhause nicht zur Verfügung steht, setzt ganz auf die Vorstellungskraft. Ivan Repušić: „Das Wichtigste ist, dass wir schon von Anfang an eine klare Vorstellung im Körper haben.“ Diese Vorstellung wird anhand des Partiturstudiums entwickelt. Ist die Musik einmal im Kopf, wird sie per Gesten und Mimik ins Orchester projiziert.

Einmal tief Luft holen, bitte!
Ohne ihn läuft gar nichts – der Atem trägt die Musik. Eine Klarinette ohne Luft? Tot. Eine Trompete? Stumm. Eine Flöte? Nichts. Hornistin Hanna Sieber braucht den Atem aber nicht nur, um ihrem Instrument Töne zu entlocken, sondern auch, um als Stimmführerin ihre Gruppe anzuleiten: „Das war für mich ein langjähriger Prozess, zu lernen: Wie mache ich das am besten, damit alle gleichzeitig atmen und es dann zusammen ist? Ohne dass es aussieht, als würde man künstlich überbetonen: Hier ist die Eins! Denn dann würde keiner gescheit spielen, es entstünde ein gehackter Klang.“ Weniger offensichtlich, aber nicht weniger wichtig ist der Atem als Kommunikationsinstrument für die Streicher und den Dirigenten. Er stiftet harmonisches Zusammenspiel, peitscht oder bremst das Tempo und synchronisiert die Bewegungen.

Münchner Rundfunkorchester © Lisa Hinder
Hanna Sieber als Stimmführerin der Horngruppe

Ein Wiegen und Wogen: die Orchesterwelle
Sechzig bis achtzig Musiker sind an einem Konzertabend gemeinsam aktiv. Jeder mit individueller Körpersprache, abgestimmt auf das eigene Instrument. Und doch ist da etwas Magisches, was alle verbindet. Ein Wiegen und Wogen, das nur diesem einen Orchester zugehörig ist. Eine kollektive Körpersprache, einzigartig und unverwechselbar. Wie die Ähren eines Kornfeldes, die vom Wind in Bewegung versetzt werden, so agieren auch die Musiker, vom Hauch der Musik innerlich und äußerlich bewegt, im Gleichklang. Oboist Jürgen Evers vermutet sogar, man könne allein an der Körpersprache eines Orchesters einiges ablesen: „Man merkt, ob in einem Orchester eine harmonische Zusammenarbeit herrscht oder nicht – auch, wenn man keinen einzigen Ton hört.“ Damit es zur wohligen Orchesterwelle kommt, bedarf es eines Geistes, der das Gemeinschaftliche über das Eigene stellt. Hingabe ist das Zauberwort. Mitschwingen statt Ego-Liedchen singen. Sich anstecken lassen von stimmigen Bewegungen und mitmachen. Nur, wo lernt man eigentlich, wie man sich so bewegt, dass es stimmig ist?

Körpersprache – do it yourself!
Die Geigerin Julia Bassler bedauert es, dass der körperliche Aspekt des Musizierens in der Ausbildung kaum eine Rolle spielt: „Leider wird das an den Hochschulen zu wenig unterrichtet. Gerade für verantwortungsvolle Positionen wie Stimmführer oder Konzertmeister. Für deren Tätigkeit ist es extrem wichtig, dass die anderen Musiker verstehen, was sie mit ihrem Körper ausdrücken. Ich bin ein großer Verfechter davon, dass Musiker Yoga oder Vergleichbares lernen, denn das kann sehr helfen.“ Viele Musiker machen sich also selbst auf den Weg zu mehr Körperbewusstsein: Alexandertechnik, Feldenkrais, Yoga. Schließlich beeinflusst die Art und Weise, wie ich mich bewege, den Klang und wirkt ins gesamte Orchester hinein. Problematisch ist, dass unsere eigene Vorstellung dessen, wie unsere Körpersprache aussieht, oftmals nicht mit der Realität übereinstimmt. Umso wichtiger ist es, gelegentlich einen Abgleich von Selbst- und Fremdwahrnehmung vorzunehmen. Ein Spiegel oder eine Videokamera sind deshalb für viele Musiker ein willkommenes Medium, die eigenen Bewegungen zu optimieren. Oder ein aufrichtiges Gegenüber. Hornistin Hanna Sieber hatte in der Ausbildung ein sogenanntes Auftrittscoaching: „Da haben wir geübt, wie man in den Raum kommt mit einer Ausstrahlung, die die Leute für einen einnimmt. Aber am allerbesten ist es, wenn man gar nichts machen muss, sondern wenn man ganz in sich selbst ruht und sich selbst vertraut.“

Golden Gate
Blicke, Gesten, Mimik – die nonverbale Kommunikation ist die Sprache der Musik. Ein wundersames Wesen: verständlich ohne Sprachkurs, zu erlernen ganz ohne Vokabeln zu büffeln und höchst wirksam über kulturelle Grenzen hinweg. Sie ist die Brücke vom Wort zur Musik – eine goldene Brücke.

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