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Musik mit haut und haaren

Von BR-Klassik-Reporterin und Konzertpädagogin Uta Sailer

(aus der Saisonbroschüre 2018/2019)

Ein wohliger Schauer entlang der Wirbelsäule, ein unwillkürliches Zucken im Körper, eine warme Welle im Bauch. Musik dringt in uns ein. Sie passiert sämtliche Grenzen. Sie berührt, bewegt, beseelt. Das Münchner Rundfunkorchester hat sich mit seinem Leitspruch genau das zum Ziel gesetzt: „Wir spielen unter die Haut.“ Es sind schließlich die Gefühle, die ein Konzert zum Erlebnis machen, findet Chefdirigent Ivan Repušić: „Wir müssen offen sein für die emotionale Seite der Musik, so dass wir Dirigenten eben nicht nur Verkehrspolizisten sind, die hier und dort Einsätze geben.“

Albert Frasch (c) Albert Frasch
Kontrabassist Albert Frasch

Ein Hoch auf die Gefühle!

Konzertabend – erwartungsvolle Stille – Orchestereinsatz: Auftakt für eine kurvenreiche Gefühlsfahrt! Denn kaum stimmt das Ensemble die ersten Klänge an, startet in unserem Gehirn ein Suchvorgang. Es forscht in Sekundenschnelle nach den Emotionen, die diese Musik auslöst. Dies geschieht, so wird vermutet, weil Gefühle Wegweiser für unseren Lebensweg sein können. Aber nicht nur die Musik geht uns Hörern unter die Haut. Es kann auch die Intensität des Musizierens sein, die uns ergreift – Hörer wie ausübende Musiker. Andreas Moser, Schlagzeuger im Münchner Rundfunkorchester lässt sich beispielsweise „durch die Passion, mit der manche Musiker ihr Instrument spielen“, berühren. Von einem befriedigenden Glücksgefühl im gemeinsamen Musizieren erzählt Kontrabassist Albert Frasch. Zum Beispiel, wenn alle Kontrabassisten im Orchester gemeinsam ein Pizzicato zupfen, exakt gleichzeitig. Pling – Nachklang – Glücksgefühl.

Musik – ein Glückscocktail fürs Gehirn

Was aber passiert, wenn wir Musik hören? Professor Eckart Altenmüller von der Universität Hannover forscht seit vielen Jahren zu diesem Thema: „Musik ist der Reiz, der am zuverlässigsten die stärksten Emotionen auslösen kann.“ Dies geschieht laut Altenmüller durch ein eindrucksvolles Geschehen in unserem Inneren: Hören wir Musik, die uns gefällt, wird in unserem Gehirn das Belohnungshormon Dopamin ausgeschüttet, zunächst in einer geringen Dosis. Doch sobald die Musik auf einen Höhepunkt zusteuert, schnellt die Dopaminzufuhr in die Höhe: Unser Gehirn wird mit Dopamin geflutet. Jetzt setzt unser System zum Gipfelsturm an. Das Glückshormon Endorphin schaltet sich ein und macht den Cocktail für musikalischen Hochgenuss perfekt: Wohl bekomm’s!

Tränen erlaubt

Aber wie steht es um die eigenen Gefühle? Dürfen Musiker ihre Emotionen beim Spielen zulassen? „Ja“, findet Schlagzeuger Andreas Moser, „es gibt öfter Momente, in denen man während des Spielens tief bewegt wird. Man darf sich aber nicht gehen lassen, sonst verliert man die Kontrolle. Man muss seinen Job erledigen und danach kann man sich seinen Gefühlen hingeben.“ Ein guter Plan – der nur nicht immer funktioniert. Die eine oder andere Träne sei schon mal geflossen, so der Schlagzeuger. „Sensible Musiker!“, mag manch einer jetzt denken. „Genau!“, sagt Ivan Repušić. „Das ist so. Wir Musiker sind sensibel. Das ist eine Berufung, kein Beruf.“

Ivan Repušić erinnert sich gut an eine Situation, in der er seine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Als er das Requiem von Gabriel Fauré einstudierte, erfuhr er, dass sein Vater gestorben war. Das Konzert wurde zum persönlichen Abschied: „Das war einer der emotionalsten Momente in meinem Leben.“ Und als die erste seiner drei Töchter geboren wurde, lag Giacomo Puccinis Madama Butterfly auf dem Dirigentenpult. Die Arie „Tu, tu piccolo Iddio“ drang ihm direkt ins Herz: Ivan Repušić spürte in diesem Moment sehr genau, was es bedeuten könnte, ein Kind zu verlieren. Er hatte Glück. Madame Butterfly nicht. Ihre Geschichte endet tragisch. „Oper ist ja nicht einfach Oper. Sie ist das wahre Leben.“ Seine Musiker haben vollstes Verständnis, wenn die Augen mal feucht werden: „Das ist legitim. Es ist ja immer die Frage, ob jetzt jemand da vorne steht und bloß um Mitleid fleht oder ob jemand von Emotionen gepackt ist und zugleich hochprofessionell. Das ist eine sehr schöne Mischung“, findet Andreas Moser.

Abheben mit Musik – der berühmte Flow-Effekt

Hören und Spielen – beides erlaubt Emotionalität. Im besten Fall stellt sich der sogenannte Flow-Effekt ein. Ein Gefühl, vollständig mit der Musik zu verschmelzen. Eins zu sein, Raum und Zeit zu vergessen. Flötistin Christiane Dohn kennt das: „Bei mir gibt es Momente, in denen ich einfach nur glücklich bin, Teil dieser Gruppe zu sein. Dann möchte ich nirgendwo anders sein.“ Auch als Hörer ist es möglich, in den „Flow“ zu kommen. Damit wir dafür empfänglich sind, sollten wir allerdings Gedanken an anderes loslassen. Kinder sind den Erwachsenen hier oftmals einen Schritt voraus. Das zeigen die Kommentare von kleinen Konzertbesuchern, die eines der Klassik-zum-Staunen-Konzerte des Münchner Rundfunkorchesters erlebt haben. So berichtet etwa ein Kind: „Am Ende vom Konzert war ich ein Teil von der Musik.“ Und ein weiteres: „Wie ich die Musik gehört habe, da war in meinem Bauch eine Sonne, die hat es mir ganz warm gemacht.“

Christiane Dohn (c) Christiane Dohn
Flötistin Christiane Dohn

Sesam, öffne dich! – Aktives Hören

Damit beglückende Konzerterlebnisse möglich sind, bedarf es einer Grundhaltung seitens der Hörer: „Man muss eine gewisse Offenheit mitbringen. Ohne positive oder negative Vorurteile“, sagt Andreas Moser. „Man sollte einfach spüren und ehrlich zu sich selbst sein. Es geht ja um die eigene Haut. Es kann auch sein, dass ein Musikstück anerkannt ist, es einen aber trotzdem nicht berührt.“ Kein Problem! Das Münchner Rundfunkorchester hat mit seiner Bandbreite von Oper, geistlichem Konzert, Operette, Weltmusik, Filmmusik, Jazz und moderner Musik garantiert für jeden Hörer eine emotionsgeladene Musik an Bord.

Die menschliche Stimme

Es ist der Gesang, der besonders intensiv wahrgenommen und erlebt wird. Wohl eine Prägung durch die ersten Klänge, die ein Ungeborenes im Mutterleib wahrnimmt: die Stimme der Mutter. Schon mit zwanzig Wochen kann ein Embryo sie hören – denn das Ohr ist das Sinnesorgan, welches sich als erstes ausbildet und nach knapp 50 Tagen komplett „ausgereift“ ist. Kein Wunder, dass es Sängerinnen und Sänger am leichtesten haben, unsere Herzen zu erobern. Von Plácido Domingo über Rolando Villazón, von Edita Gruberová zu Diana Damrau. Die großen Sängerpersönlichkeiten unserer Tage sind beim Münchner Rundfunkorchester zu Gast und beglücken Hörer wie Musiker mit der unmittelbaren Gefühlskraft der menschlichen Stimme.

Kein Entkommen: das Reptilienhirn

Selbst wenn man es wollte, der Musik kann man sich schwer entziehen. Der Grund dafür: das Reptilienhirn – der älteste Teil unseres Gehirns, der auf Töne reagiert, ohne dass wir die Wirkung durch das Bewusstsein beeinflussen können. Fest verdrahtete Schaltkreise sind hier am Werk. Ein Entkommen ist geradezu unmöglich. An diesem Prozess ist eine ganze Horde an Sinneszellen beteiligt: zunächst 3500 Haarzellen aus der Innenohrschnecke, die den Schall als Druckwellen aufnehmen und anschließend in elektrische Signale umwandeln. Nachdem ein Hörnerv diese Signale in den Kopf weiterleitet – ins primäre Hörzentrum –, stehen hier weitere 100 Millionen Nervenzellen bereit, um die empfangenen Signale zu verarbeiten: ein Hochleistungssport unseres Nervensystems, für den Musikhörer stressfrei.

Andreas Moser (c) BR/Julia Müller
Schlagzeuger Andreas Moser

Der „Schatz, sie spielen unser Lied“-Effekt

Stellen wir uns vor: Der Mann ist in der Küche und hört Radio – die Frau sitzt nebenan und schmökert in einem Buch. Auf einmal geschieht es: Ein lauter Ruf aus der Küche: „Schatz, sie spielen unser Lied!“ Die Frau eilt zu ihrem Gemahl, die beiden schauen sich verliebt an und lauschen versunken der Musik. Eben jener Musik, die das Ehepaar gehört hat, als sie sich kennengelernt haben. Zack! Die Erinnerungen schwappen hoch, beide fühlen sich in Sekundenschnelle mehrere Jahrzehnte zurückversetzt. Eine musikalisch-neurologische Verjüngungskur, möglich gemacht durch das episodische Gedächtnis, welches Musik mit Erinnerungen verknüpft und es erlaubt, beim Musikhören eine längst vergangene Situation sehr genau zu erinnern und nachzuerleben. Sogar in die Wissenschaftssprache hat es dieser Effekt geschafft: als „Schatz, sie spielen unser Lied“-Effekt.

Gefangenenchor zum Frühstück

Auch mit Gerüchen ist die Musik aufs engste verbandelt. Wer als Kind von seinen Eltern dazu verdonnert wurde, beim Frühstück Verdis Gefangenenchor zu lauschen, dem wird wahrscheinlich der Duft frisch gebackener Brötchen in die Nase steigen, sobald „Verdis Gefangene“ ihr Lied anstimmen. Einfachste Konditionierung. Neuprogrammierung ist aber möglich. Zum Beispiel mit einer fröhlichen Arie. Der Kreativität sind hierbei keine Grenzen gesetzt. Mozart mit Marmorkuchen. Schubert mit Schweinshaxe. Puccini mit Pasta.

Vertrautes Glück und Spaß am Neuen

Es ist kein Geheimnis: Der Mensch liebt, was er kennt. Er sucht aber auch das Abenteuer, will Neues entdecken, musikalische Schätze heben. Zum Beispiel eine Opernrarität, wie sie das Münchner Rundfunkorchester regelmäßig ausgräbt und wieder belebt. Schließlich ist das auditive Gedächtnis kein geschlossenes System, sondern offen für Neues, das bei Gefallen und mehrmaligem Hören zum Vertrauten hinzugefügt wird. Professor Eckart Altenmüller sagt: „Ich muss sie nur oft genug hören – dann mag ich auch Zwölftonmusik.“ Wie kommt’s? Durch mehrmaliges Hören lernt man, sich auch in komplexer und zunächst befremdlicher Musik zurechtzufinden. Man entdeckt die Wege des Komponisten und wandelt auf ihnen. Das Spiel beginnt.

Lustvolles Spiel mit Erwartungen

Was für ein befriedigendes Gefühl: Ich höre Musik und erahne, wie das Stück weitergeht. Meine Erwartung wird erfüllt. Dopamin! Belohnung! Freude! Schon Musikkritiker Eduard Hanslick wusste im 19. Jahrhundert, dass Musikgenuss vor allem durch den Aufbau und die Erfüllung musikalischer Erwartungen entsteht. Aber der positive Effekt beim Musikhören, und das mag überraschen, entsteht auch durch angenehme Formen der Täuschung.

Oftmals ist es gerade die Nichterfüllung von Erwartungen, die ein Lachen, ein Staunen oder sogar eine Gänsehaut auslöst. Dass Unvorhergesehenes positiv wirkt, erlebt auch Chefdirigent Ivan Repušić in seiner Arbeit am Pult. Immer wieder kommt es vor, dass ein Solist – beflügelt vom Publikum und der unvergleichlichen Liveatmosphäre – im Konzert eine Phrase anders interpretiert als in den Proben einstudiert. „Wir sollten offen sein für solche Abenteuer. In diesen Momenten entsteht ein Dominoeffekt. Auch die anderen Musiker verändern dann ihr Spiel. Sie reagieren darauf.“ Lebendige Kommunikation. Ein Gespräch unter Musikern. Der Dirigent ist im besten Falle kein Bestimmer, sondern jemand, der die Inputs der verschiedenen Instrumentengruppen und Individuen aufnimmt und daraus ein stimmiges Mosaik baut, so Repušić.

Ivan Repušić (c) Ivan Repušić
Chefdirigent Ivan Repušić

Special effect: Gänsehaut

Härchenalarm! Geht uns eine Musik besonders unter die Haut, kann es passieren, dass uns die Haare zu Berge stehen. Der Gänsehauteffekt! Siebzig Prozent der Menschen erleben solche Momente durch Musik: Musikstudenten öfters als Mediziner oder Verwaltungsangestellte. Menschen mit einer Tendenz zu niedrigen Reizschwellen leichter als diejenigen, die nur schwer zu knacken sind. Empfindsame häufiger als Robuste. „Chillresponder“ heißen die Gänsehautaffinen unter uns. Studien zufolge legen sie mehr Wert auf emotionale Zuwendung als die „Nicht- Responder“. Sie sind offener, interessiert an Neuem, haben eine große Vorstellungskraft und viel Fantasie. Wodurch die Gänsehaut ausgelöst wird, ist individuell verschieden. Hier hat wohl jeder seine eigene Playlist.

Autsch! Wenn es weh tut …

Berührung durch Musik kann schmerzen. Beispielsweise wenn sie Gefühle hervorholt, die man nicht spüren möchte. Oder wenn Musik etwas vermittelt, was einem absolut gegen den Strich geht. Für einen Profimusiker wie Schlagzeuger Andreas Moser gehören auch solche Erfahrungen zum Berufsalltag: „Es gibt Musik, die einem gar nicht zusagt, bei der man schon eine gewisse Abwehrhaltung aufbaut.“ Die muss überwunden werden. Schließlich ist es die Pflicht eines Orchestermitgliedes, Musik ohne eigene Urteile an die Hörer weiterzugeben, so Moser. Andererseits ist es auch die Verantwortung des Arbeitgebers, für die Gesundheit und das Wohlbefinden seiner Orchestermusiker zu sorgen. Denn es gibt Konzerte, wo dies nicht mehr gewährleistet ist. Kontrabassist Albert Frasch erinnert sich: „Wir hatten so ein vierstündiges Marathonkonzert mit einem berühmten Schlagzeuger. Die Pauken standen nahe bei den Kontrabässen. Bei dem Paukensolo waren das fast schon richtige Schmerzen. Das kann man sich gar nicht vorstellen.“ Dann können die Emotionen schon mal hochkochen. Bevor dies geschieht, wird der Gehörschutz aus der Tasche geholt, den fast alle Musiker bei sich tragen. Als Schutz für ein Organ, das nach innen, zu sich selbst, aber auch nach außen, zum „Du“ und nach oben führt – zu einer höheren Kraft jenseits allen Menschlichen.

Musik als Botschaft

„Das Gehör hast du mir eingepflanzt“, so steht es geschrieben in der Bibel, Psalm 40, Vers 7. Das Ohr als Geschenk Gottes – hier auf Erden ein empfindsames Empfangsgerät im Zusammenleben der Menschen. Ivan Repušić ist dankbar, durch Musik für eine friedlichere Welt zu wirken: „Es ist doch wunderschön, dass wir durch Musik Botschafter sein können. Dass wir etwa durch unsere Reihe Paradisi gloria Verbindungen zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen aufzeigen. Im Psalter Davids heißt es: „Wie fein und lieblich ist das, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen.“ Das ist die Vision für eine Zukunft des friedlichen Miteinanders der Völker.“

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