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StartseiteHome Orchester Interview Tilbert Weigel

interview mit dem Bratschisten Tilbert Weigel

Aus dem Programmheft zum 1. Mittwochs um halb acht 2019/2020 am 23. Oktober 2019

Tilbert Weigel, Probenwochenende Klasse Klassik 2018 (Credit Thorsten Cremer)
Tilbert Weigel beim Probenwochenende für Klasse Klassik 2018

Tilbert Weigel, wie würden Sie Ihr Instrument, die Bratsche, charakterisieren?

Sie hat einen sehr vermittelnden Charakter und ist allein schon aufgrund ihrer Lage ein klassisches „Mittelinstrument“. Die Bratsche liefert im Zusammenspiel immer wieder ganz entscheidende Farben – so, als ob man die Emotionen mit einer Taschenlampe beleuchten würde. Und manchmal gibt es auch wunderschöne Melodien, die zwar seltener vorkommen als bei den Ersten Violinen; aber wenn es ins Melancholische geht und ein ganz spezielles Timbre gefragt ist, das bis ins Innerste dringt, dann ist das oft in der Bratschenstimme zu finden. Das Dunkle ist das Erste, was einem bei diesem Instrument in den Sinn kommt. Ich liebe die Bratsche sehr und bin ja erst spät dazu gekommen, weil ich ursprünglich ein komplettes Geigenstudium absolviert habe. Doch jetzt möchte ich nichts Anderes mehr spielen.

Wie kam es dazu, dass Sie „umgesattelt“ haben?

Als Schüler und Student hatte ich die Bratsche immer mal wieder in die Hand genommen, Größe und Gewicht des Instruments aber als eher unangenehm empfunden. Gegen Ende meines Aufbaustudiums im Fach Violine suchte ich nach weiteren Optionen an der Münchner Musikhochschule. Ich hatte damals zusätzlich zum künstlerischen auch den pädagogischen Studiengang belegt. Hariolf Schlichtig, Professor für Viola und Kammermusik, kannte mich von der Kammermusik her und nahm mich deshalb ausnahmsweise für Bratsche als zweites Unterrichtsfach im Pädagogikstudium an. Da ich aber bereits Einladungen zu Probespielen für Violine hatte, ging ich noch zweimal mit der Geige zu ihm in den Unterricht. Er verlangte dann, dass ich mich für ein Instrument entscheide. Und er versicherte mir, dass ich – wenn ich die Geige ein halbes Jahr, also für die verbleibende Studienzeit bei ihm, weglege – danach an meinen vorigen Stand in kurzer Zeit wieder voll anknüpfen könne, falls ich doch zur Geige zurückkehren wolle. Dies war letztlich die Befreiung, wofür ich ihm zutiefst dankbar bin.

Wie lange hat die Ausbildung auf der Bratsche gedauert?

Insgesamt ging es sehr schnell: Beschwingt von meiner Entscheidung für die Bratsche habe ich mich schon nach wenigen Monaten auf eine Stelle am Gärtnerplatztheater beworben. Die Vorbereitung darauf war eine sehr intensive Zeit. Als ich das Probespiel gewonnen hatte, zählte ich mit Hariolf Schlichtig die Anzahl der Unterrichtstermine bei ihm: Es waren genau 15 Violastunden. Seither witzeln wir, ich sollte vielleicht ein Buch mit dem Titel In 15 Stunden zur Stelle schreiben. Natürlich lässt sich der gesamte Prozess nicht so einfach reduzieren, aber der Gedanke daran erfreut uns beide immer wieder.

Wie ging es überhaupt los mit der Musik?

Den ersten Geigenunterricht bekam ich im Alter von fünf Jahren von meinem Vater, der Bratsche und Physik studiert hatte, ehe er sich für die Laufbahn als Physiker in der Industrie entschied. Die Musik war bei uns zuhause von jeher präsent. Meine Mutter spielt Flöte, und meine beiden Brüder sind wie ich Berufsmusiker; der älteste spielte zunächst Geige und wechselte dann zum Horn, der mittlere ist Cellist am Gärtnerplatztheater. Mein Vater hatte die Instrumente also geschickt verteilt. So war schnell ein Streichquartett vorhanden, was die Königsdisziplin eines jeden Streichers ist. Als Jüngster musste ich immer schauen, wie ich mitkomme. Aber so bin ich ganz natürlich in die Sache reingewachsen, habe dann viel Förderung im Musik-Leistungskurs, im Schulorchester wie auch solistisch erfahren. Manchmal staune ich, welche Hürde die Aufnahmeprüfung an der Hochschule heutzutage für junge Leute darstellt, denn ich habe es ohne Druck ausprobieren können und es hat gleich geklappt. Nach dem Zivildienst konnte ich den Studienplatz direkt in Anspruch nehmen und war zunächst bei Yuko Inagaki-Nothas. Das geigerische Hauptrüstzeug habe ich dann bei Kurt Guntner erlernt, der ja ein Münchner Urgestein war: Konzertmeister an der Bayerischen Staatsoper, bei den Münchner Philharmonikern und auch bei den Bayreuther Festspielen. Er hatte einen unglaublichen Überblick über die Musik, über stilistische Aspekte und orchestrale Alltagsthemen, wovon ich bis heute profitiere.

Sie wurden einige Jahre lang von Live Music Now gefördert …

Das war eine wertvolle Zeit. Die Idee von Yehudi Menuhin, dem Gründer von Live Music Now, war ja, mit Musik zu trösten, zu heilen und Freude zu bereiten, sie zu Menschen zu bringen, die aus den verschiedensten Gründen nicht ins Konzert gehen können – zum Beispiel, weil sie im Krankenhaus, im Altenheim oder im Gefängnis sind. Gleichzeitig wollte er jungen Musikern ein Forum geben, um Konzerterfahrung zu sammeln. Ich habe auf diese Weise ganz tolle Momente erlebt. Wenn man zum Beispiel im Altenheim Schlager aus den 20er, 30er Jahren interpretiert und danach eine 90-Jährige zu einem kommt und sagt, sie fühle sich wieder wie mit Zwanzig, dann weiß man, die Musik ist angekommen. Einmal haben wir in einem Gefängnis gespielt und in tränenüberströmte Gesichter gesehen, weil die Musik so tief geht, dass viele beim Zuhören einfach loslassen und für einen Moment vergessen konnten. Live Music Now ist eine wichtige Einrichtung, der ich immer noch sehr verbunden bin.

Sie haben Ihre erste Stelle am Gärtnerplatztheater bereits erwähnt. Hat Ihnen die Theaterluft gefallen?

Ja, das waren elf prägende Jahre. Und die Leidenschaft für die Oper lässt mich bis heute nicht los. Ich durfte dort eine immense Bandbreite kennenlernen, von Mozart über „Emotionsopern“ wie La bohème und La traviata bis hin zu Strauss’ Capriccio oder auch Werken von Strawinsky, Henze und Nono sowie Operette und Musical. Da lernt man sehr viel, weil Reaktionsvermögen und Spontaneität gefordert sind. Am Theater herrscht ein ganz eigenes Leben. Es gibt viele Sparten, die ineinandergreifen, und man lebt wie in einer großen Familie, sitzt oft nach den Vorstellungen noch in der Kantine zusammen, zwischen Balletttänzern und Arbeitern aus den Werkstätten.

Wie ergab sich 2009 der Wechsel ins Münchner Rundfunkorchester?

Der Rundfunk stellt ganz eigene Anforderungen, die Arbeitsweise hier ist sehr leistungs- und qualitätsorientiert. Unter der großen Leidenschaft, die am Theater spürbar ist, leidet vielleicht manchmal etwas die Genauigkeit. Ich wollte aber für mich noch mehr Perfektion erreichen. Außerdem haben mir die Arbeitsbedingungen beim Rundfunk, zum Beispiel die Probenzeiten und die Disposition der Konzerte, eine bessere persönliche Planung, auch für die Familie, ermöglicht.

Was ist Ihr liebstes Feld beim Münchner Rundfunkorchester?

Das Rundfunkorchester hat viele spannende Themen, und ich kann kaum etwas Einzelnes herausgreifen, weil für mich die Musik in ihrer gesamten Breite existiert. Aber die Kinder- und Jugendarbeit ist für mich sehr wichtig und berührt mich, zum Beispiel wenn wir Schulbesuche machen und die Kinder anschließend mit großen Augen im Konzert sitzen. Oder wenn wir bei dem Projekt Klasse Klassik gemeinsam mit Jugendlichen musizieren und ich hinterher eine Dankbarkeit spüre, die auch geäußert wird. Sehr wichtig sind beim Rundfunkorchester natürlich Oper und Operette. Und es entstehen viele CD-Produktionen, die zum Teil sehr fordernd sind, weil man alles bis zum Letzten herausholen will und die Takes oft mehrfach wiederholt werden, bis sie perfekt „im Kasten“ sind. Das trainiert ein Orchester ungemein.

Seit 2016 sind Sie auch Mitglied im Bayreuther Festspielorchester.

Ja, ich war einfach neugierig auf Bayreuth und wollte diesen „Hügel“ erklimmen. Das Festspielorchester ist mit Musikerinnen und Musikern aus ganz Deutschland und inzwischen auch aus dem Ausland besetzt. Kurz vor Weihnachten 2015 bekam ich den Anruf, dass ich eingeladen bin, und so konnte ich mir die Zusage quasi unter den Christbaum legen. Die Musik selbst, aber auch der historische Ort, an dem man sie aufführt – all dies in sich aufzusaugen, das ist wirklich einzigartig. Das Spielen im verdeckten Orchestergraben und der Eifer, mit dem alle bei der Sache sind, lassen eine Energie entstehen, die ich nirgendwo sonst erlebt habe. Es ist wie ein brodelnder Kessel oder ein Maschinenraum, in dem eine Mannschaft Emotionen produziert.

Was tun Sie, wenn Sie einen Ausgleich zur Musik suchen?

Neben dem Fotografieren kann ich aktuell vor allem beim Golfspielen richtig abschalten, wenn ich in die Weiten und ins Grüne „entfliehe“. Golf wird oft belächelt als etwas, das kein Sport sei. Aber wenn man 18 Loch weit läuft und mehrere Stunden unterwegs ist, weiß man anschließend, was man getan hat. Außerdem ist es sehr anspruchsvoll für den ganzen Körper, weil man vollkommen in Balance sein muss – durchaus vergleichbar mit dem Spielen eines Instruments. Es funktioniert nur, wenn man entspannt ist und die Energie fließen kann, wenn man mit Schwung arbeitet und nicht mit Kraft. Man muss lernen, sich zu konzentrieren, und verstehen, wie Geist und Psyche funktionieren. Das gibt mir viel Ruhe und Stärke.

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