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StartseiteHome Orchester Interview Savva Girshenko

Interview mit dem geiger savva girshenko

Aus dem Programmheft zum 3. Sonntagskonzert 2020/2021 am 24. Januar 2021

Savva Girshenko_CD-Produktion Vasks Nr. 1_Credit BR-Michaela Jung
Savva Girshenko bei einer CD-Produktion im Studio 1 des Bayerischen Rundfunks (2020)

Savva Girshenko, Sie gehören der Gruppe der Ersten Violinen im Münchner Rundfunkorchester an und beschäftigen sich auch mit Geigenbau. Was für ein Instrument spielen Sie?

Ich bin sehr glücklich, eine Violine aus der Werkstatt von Michael Betcher und Robert König in Nürnberg zu spielen. Gegenwärtig gibt es ja eine Reihe von Geigenbauern, die sehr schöne Instrumente machen. Ich hatte auch selbst immer Interesse am Geigenbau; während meines Masterstudiums an der Musikhochschule in Nürnberg habe ich daher Michael Betcher gemailt, dass ich mir gerne seine Instrumente anschauen und mich mit dem Thema Klangeinstellung beschäftigen möchte. Schließlich habe ich beinahe zwei Jahre lang fast jeden Tag bei ihm assistiert, zum Beispiel Lackierungen und Politur gemacht – und dann habe ich angefangen, eigene Instrumente zu bauen. Vladimir Tolpygo (Mitglied der Ersten Violinen bei den Münchner Philharmonikern), Stanko Madić (Erster Konzertmeister im Münchner Rundfunkorchester) und unsere Stellvertretende Konzertmeisterin Elena Soltan spielen eine Geige von mir – ebenso Anton Barakhovsky (Erster Konzertmeister im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks). Im Oktober haben wir im Gasteig ein sehr wertvolles historisches Instrument, das er bislang gespielt hat, mit der von mir gebauten Geige verglichen, und das Ergebnis war eine große Überraschung für mich. Denn es gibt dieses Stereotyp, dass nur alte Instrumente in der Lage seien, eine Geschichte zu erzählen. Aber in diesem Moment hat sich gezeigt, dass es möglich ist, mit einem Neubau einen hervorragenden Klang zu erzielen. Ich mache zuhause ständig Experimente mit dem Holz, mit Imprägnierungen und Grundierungen, studiere Traktate über alte italienische Malerei und probiere vieles aus.

Beeinflussen sich Geigespielen und Geigenbau gegenseitig?

Ja, es ist natürlich ein Vorteil, wenn ein Geigenbauer auf professionellem Niveau Geige spielt. Dadurch kann man Probleme genau analysieren und eine Diagnose stellen – wie ein Arzt. Liegt es am Stimmstock, ist er zu dünn oder zu dick, liegt es am Steg oder am Griffbrett? Es gibt tausend Kleinigkeiten, die zusammenpassen müssen. Und als Geiger hat man eine lebenslange und besondere Beziehung zum Instrument. Wir spielen jeden Tag fünf bis acht Stunden, manchmal noch länger. Die Geige ist also wie ein Teil unseres Körpers.

Sie wurden in Uschhorod (Ukraine) in eine Musikerfamilie hineingeboren. Wie sah diese aus?

Meine Mutter ist Pianistin, mein Vater ist Geiger, ebenso wie mein Onkel und mein Bruder. Meine Großmutter väterlicherseits war ebenfalls Pianistin – und mein Großvater Konzertmeister am Mariinski-Theater in Sankt Petersburg. Das ist also eine lange Familientradition. Deswegen ergab es sich quasi automatisch, dass ich und mein Bruder Geige lernten. Meine Eltern hatten allerdings zunächst das Cello für mich vorgesehen. Ich war damals fünf, habe das große Cello angeschaut und ein bisschen Angst davor gehabt. Meine Großmutter hat dann auf dem Flohmarkt eine ganz kleine Violine für mich gekauft, und ich habe angefangen, Lieder nach dem Gehör zu spielen.

Mit acht Jahren debütierten Sie bereits als Solist mit dem Orchester des Bolschoi-Theaters. Als Zwölfjähriger interpretierten Sie das Violinkonzert Nr. 2 von Henryk Wieniawski, begleitet vom Singapore Symphony Orchestra. Wie ergab sich das?

Die Einladung dazu kam sehr plötzlich. Als ich im Flugzeug nach Singapur saß, konnte ich den dritten Satz noch nicht auswendig, musste ihn also innerhalb eines Tages lernen. Und dazu noch die Zeitumstellung! Für mich war das damals wie eine Reise auf einen anderen Planeten, hinsichtlich Lebensstandard, Klima, Architektur – einfach unglaublich!

Wurde Ihnen in diesem Moment klar, dass Sie Berufsmusiker werden wollten?

Ich empfinde eine große Liebe für die Musik, aber ich liebe nicht mich selbst in der Musik. Ich will meine Person nicht überschätzen. Heutzutage sieht man oft Konzertplakate, auf denen in großer Schrift die Namen des Dirigenten und des Solisten stehen – und darunter klein der Komponist. Viele Musiker haben zu große Ambitionen. Das hatte ich nie. Falls etwas, was ich mir gewünscht habe, nicht klappt, mache ich einfach weiter … Mit 13 hatte ich einen Sportunfall beim Tennis. Daraufhin konnte ich ein paar Jahre lang nicht Geige spielen, habe zwei Friseur-Diplome erworben und eine Zeit lang in diesem Metier gearbeitet. Auch das hat mit Kreativität zu tun. Außerdem war ich als Fotograf tätig, habe sogar an Wettbewerben teilgenommen und Preise gewonnen. Irgendwann meinte meine Mutter, ich sollte mal versuchen, eine Tonleiter zu spielen. So kam ich zurück zur Geige. Am Anfang war es sehr schwer, denn ich musste fast wieder bei null anfangen.

Es folgte ein Intermezzo in Wien.

Ja, das war eine einjährige Masterclass am dortigen Konservatorium. Meine Tante wohnt seit zwanzig Jahren in Wien; meine Cousine Lidia Baich ist eine bekannte österreichische Geigerin.

Nächste Station war die Musikakademie des Tschaikowsky-Konservatoriums Moskau. Worum handelt es sich dabei?

Wenn man in der Sowjetunion Profimusiker werden wollte, besuchte man zunächst die sogenannte Musikspezialschule, eine Ganztagesschule mit allen Schulfächern sowie den musikalischen Disziplinen einschließlich Haupt- und Zweitinstrument. Daran schlossen sich vier Jahre Studium an der Musikakademie an. Das ist ein bisschen vergleichbar mit dem heutigen Bachelor in Deutschland. Aber seit dem „Bologna-Prozess“ zur Vereinheitlichung der Studienabschlüsse gilt dieser Abschnitt nur als mittlere Ausbildungsstufe. Darauf folgen fünf Jahre Studium am Konservatorium und zwei Jahre Masterstudium.

Parallel zur Ausbildung an der Musikakademie des Tschaikowsky-Konservatoriums wurden Sie 2003 Mitglied im Staatlichen Symphonieorchester Russland „Swetlanow“. Wie fühlte sich das an?

Ich war der jüngste Musiker in der Geschichte des Orchesters. Neben mir saßen Leute ab vierzig aufwärts, allesamt fertig ausgebildete Musiker mit großer Berufserfahrung. Für mich war das am Anfang natürlich kompliziert. Ich habe acht bis zehn Stunden pro Tag geübt und fast alles auswendig gespielt, auch Symphonien. Statt auf die Noten zu schauen, konnte ich meine Aufmerksamkeit auf das lenken, was in den anderen Instrumentengruppen passiert, und auf die Harmonien hören. Da habe ich verstanden, was es heißt, gemeinsam zu musizieren, und warum ich Geige gelernt habe. Nicht, um allein zu spielen und Applaus zu bekommen, sondern um diesen kooperativen Prozess zu erleben. Ich war sehr froh, dass ich diese Erfahrung in so jungen Jahren machen durfte.

Es folgte eine etwas exotisch anmutende Etappe in Mexiko. Wie fügte sich das?

Mein Onkel lebt seit 1991 in Mexiko. Er ist Konzertmeister im Philharmonieorchester von Guadalajara. Mein letztes Programm beim Staatlichen Symphonieorchester in Russland 2005 umfasste Beethovens Fünfte Symphonie und das Violinkonzert mit Maxim Vengerov. Ich hatte schon meine Reisetasche gepackt und bin nach dem Konzert sofort abgereist. Meine erste Aufgabe als Konzertmeister des Symphonieorchesters von Sinaloa war dann Beethovens „Neunte“. Das OSSLA (Orquesta sinfónica Sinaloa de las artes) ist international besetzt, und die klassische Musik wird in Mexiko sehr geschätzt. Man sieht viele junge Leute im Konzert. Ich habe dort auch kostenlosen Unterricht für Kinder gegeben, die keine Ahnung hatten, was eine Geige ist. Sie haben dieses schöne Instrument, das allein schon optisch ihr Interesse weckte, zum ersten Mal in ihrem Leben gesehen. Nach zwei Jahren haben sie dann bereits Bach oder Mozart gespielt.

Es kam jedoch erneut zu einer harten Zäsur. Warum?

2010 habe ich bei einem Verkehrsunfall eine Verletzung an der Halswirbelsäule erlitten. Deshalb konnte ich abermals mehrere Jahre lang nicht Geige spielen. Zwischenzeitlich habe ich privat in Italien gelernt, Violinen zu reparieren und zu restaurieren. Das hat mir später sehr geholfen. Von 2011 bis 2015 habe ich dann in Moskau ein Bachelorstudium in Musikpädagogik und Psychologie absolviert. Danach habe ich mich zum Masterstudium in Nürnberg entschlossen. Es stand auf der Kippe, ob ich wieder professionell würde Geige spielen können, aber ich wollte es ein letztes Mal versuchen und habe mit Schmerztabletten die Aufnahmeprüfungen gemacht. Ich wusste nicht, ob ich bis zum Ende durchhalte, denn das Programm war schwierig: Tschaikowsky-Violinkonzert, Sonaten von Eugène Ysaÿe und so weiter. Für die Zulassung zum Masterstudium muss man solch virtuose Werke spielen. Bei meinem Abschluss war ich 36 Jahre alt und für die Einladung zu einem Probespiel schon relativ alt; mein Professor sagte mir damals, ich hätte vielleicht eine Chance von zehn oder zwanzig Prozent. Ich habe viele Bewerbungen verschickt und immer Absagen bekommen. Eines Tages, als ich gerade in der Werkstatt von Michael Betcher die Patina von einem alten Instrument entfernte und ganz schmutzige Hände hatte, kam eine E-Mail mit der Einladung zum Probespiel beim Münchner Rundfunkorchester. Ich war nicht wirklich im Training, und Geigespielen ist wie Sport. Trotzdem habe ich beschlossen, es ein letztes Mal zu versuchen, und es hat geklappt. Ich bin unglaublich froh darüber, denn die Atmosphäre hier ist sehr angenehm und das Orchestermanagement von Veronika Weber extrem professionell. Alles fügt sich organisch zusammen. Gerade in der schwierigen Corona-Zeit haben wir viele wunderbare CD-Aufnahmen sowie Rundfunk- und Fernsehproduktionen gemacht.

Sie sind auch Co-Autor wissenschaftlicher Publikationen.

Ja, 2013 habe ich der Moskauer Staatlichen Universität vorgeschlagen, dass wir Forschungen zu Lacken von alten italienischen Geigen machen, um dieses Geheimnis ein wenig zu lüften. Wir haben zwei Massenspektroskopie-Testreihen dazu durchgeführt; die Ergebnisse wurden in verschiedenen Magazinen in Russland und in den USA publiziert.

Abschließend noch einmal zurück zum Münchner Rundfunkorchester: Gibt es ein Konzert, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ein einzelnes Konzert vielleicht nicht, aber die Kinderkonzerte der Reihe Klassik zum Staunen sind etwas Besonderes für mich. Denn das kannte ich zuvor nicht. Bis dahin hatte ich immer die akademische Tradition als Hintergrund: Das Publikum sitzt bis zum Ende still da, dann gibt es Applaus und alles verläuft sehr geordnet. Bei den Kindern aber bekommt man sofort ein Feedback und sieht unmittelbar die Emotionen in ihren Gesichtern. Das stellt für mich ein echtes Live-Konzert dar – wenn alles so lebendig ist. In meinen früheren Engagements als Orchestermusiker hatte ich zum Beispiel mehrere Beethoven-Zyklen unter verschiedenen Dirigenten gespielt. Da achtet man auf die kleinen Nuancen und Unterschiede. Und es stellt sich eine berufliche Routine im guten Sinne ein. Man sieht im Dienstplan: nächste Woche Brahms’ „Zweite“. Und man denkt: OK, tausend Mal gespielt! Trotzdem liebe ich diese Musik. Beim Münchner Rundfunkorchester ist das Repertoire generell sehr breit. Wir spielen nicht nur Klassik aus verschiedenen Epochen, sondern auch Jazz und sogar Volksmusik in symphonischen Arrangements. Und wir müssen alles auf sehr hohem Niveau darbieten, das ist eine große Verantwortung. Ich bereite mich auf alles gleich gut vor, egal was ansteht; und es gab kein Programm, das nicht interessant war. Meiner Meinung nach ist es immer auch eine Frage der Einstellung, wie man an die Dinge herangeht. Ich bin dankbar und froh, dass ich hier als Geiger musizieren und Mitglied des Orchesters sein darf.

Poster mit einer von Savva Girshenko gebauten Violine. Sie wird von Anton Barakhovsky gespielt.

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