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StartseiteHome Orchester Interview Jürgen Evers

Interview mit dem Solooboisten Jürgen Evers

Aus dem Programmheft zum 2. Konzert Mittwochs um halb acht 2017/2018 am 13. Dezember 2017

Jürgen Evers, Solooboist im Münchner Rundfunkorchester, bei einer Zwergerlmusik im Studio 1 des Bayerischen Rundfunks (Credit Helmut Reiser)
Jürgen Evers bei einer Zwergerlmusik des Münchner Rundfunkorchesters im Studio 1 des Bayerischen Rundfunks

Jürgen Evers, welche Kriterien muss man erfüllen, wenn man Oboist werden will?

Man braucht natürlich alle Voraussetzungen, die man allgemein als Musiker benötigt, ganz gleich ob als Kontrabassist, Geiger oder Flötist: Musikalität, Geduld zum Üben, ein gutes Gehör – eben die normalen Tugenden. Ich unterrichte ja neben meiner Tätigkeit als Orchestermusiker an der Hochschule für Musik und Theater und habe dort Erfahrungen gesammelt. Von Extremfällen abgesehen gibt es keine grundsätzlichen anatomischen Ausschlusskriterien – die richtige Technik vorausgesetzt. Bei den Oboisten kommt aber als interessante Erweiterung ins Handwerkliche dazu, dass man seine Rohre [Rohr: übliche Bezeichnung für das Mundstück] selbst „baut“. Auch hier braucht man Geduld, außerdem etwas Geschick – und vielleicht sogar eine gewisse Philosophie. Eine Zeit lang habe ich meine Rohre nach dem Mondkalender gefertigt. Aber was hilft es, wenn man dringend ein neues Rohr für ein Konzert braucht, und man befindet sich gerade in der falschen Mondphase …

Wie kamen Sie zur Oboe?

Ich habe – wie früher üblich – mit Blockflöte angefangen. Irgendwann kam dann das Klavier dazu, was mir aber überhaupt keinen Spaß machte. Eines Tages, in der sechsten oder siebten Klasse, war ein Oboist im Musikunterricht zu Gast. Die Schule hatte ein Leihinstrument angeschafft, und wer Interesse hatte, konnte sich melden. Ich bekam das Instrument, und eine Lehrerin war auch schnell gefunden: meine Grundschullehrerin der vierten Klasse, die auch Oboistin war und zu diesem Zeitpunkt in Stuttgart, meiner Heimatstadt, als freischaffende Musikerin arbeitete. Ich war dreizehn – für heutige Begriffe also schon relativ alt. Inzwischen fangen die Schüler deutlich früher mit Oboe an; mit Kinderinstrumenten aus leichterem Holz ist das möglich.

Wann stand fest, dass Sie Berufsmusiker werden wollten?

Nach circa zwei Jahren Unterricht habe ich an Musikfreizeiten und Kursen teilgenommen. Da war für mich klar: Mit anderen zusammen im Orchester zu musizieren, das gefällt mir! In der Oberstufe spielte ich dem Solooboisten im Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, Diethelm Jonas, vor. Er war auch Professor in Trossingen und hat mich ein Jahr vor Studienbeginn als Schüler angenommen; als Student zog ich dann in das „Dorf“ Trossingen, das eine sehr schöne Musikhochschule besitzt. Der Nachteil eines so kleinen Orts ist, dass man keinen Kontakt zu Orchestern bekommt – anders als zum Beispiel in München, wo man im vierten, fünften Semester schon hier und da aushelfen kann. Aber durch die Abgeschiedenheit hatte ich viel Zeit zum Üben! Im siebten Semester absolvierte ich ein Probespiel beim Radio-Sinfonieorchester in Stuttgart und bekam die Englischhorn-Stelle.

Nach einer weiteren Station als stellvertretender Solooboist im Bremer Philharmonischen Staatsorchester sowie dem begleitenden Aufbaustudium wurden Sie 1990 Solooboist im Münchner Rundfunkorchester. Welche Ära war das?

Bei meinem Probespiel lag der Tod von Chefdirigent Giuseppe Patané noch nicht lange zurück. Ich erinnere mich, dass man mich ins Vorstandszimmer führte und mir eine Musikkassette mit Opernchören und Ouvertüren unter seiner Leitung überreichte. Ich spürte noch die Begeisterung des Orchesters, auch wenn ich ihn selbst nicht mehr erlebt habe. In der Übergangszeit dirigierten dann Gäste wie Leopold Hager – bis Roberto Abbado 1992 neuer Chef wurde. Mein erstes Sonntagskonzert 1990 hat er aber bereits geleitet, sodass er für mich von Anfang an präsent war.

Woran denken Sie besonders gern?

Um mit etwas Aktuellem zu beginnen: Bei Puccinis La rondine, dem ersten Projekt mit Ivan Repušić, unserem jetzigen Chefdirigenten, habe ich wirklich ein Prickeln im Orchester gespürt. Man hat gemerkt: Alle „brennen“ für diese Sache. Gut zwanzig Jahre zurück liegt das erste Konzert mit Bobby McFerrin. Jeder hatte seinen Hit Donʼt worry, be happy im Kopf und war gespannt auf diesen coolen Typen. Mit seiner großartigen Stimmakrobatik, ganz locker und elegant, sang er dann das virtuose Oboensolo am Beginn von Ravels Le tombeau de Couperin vor und meinte zu mir: „So, und jetzt du!“ Zunächst ist man perplex, aber die Stimmung war sofort sehr gelöst, und alles kam mit großer Leichtigkeit. Doch es gab so vieles, was man erwähnen könnte. Mein allererster Auftritt mit dem Rundfunkorchester war ein Konzert mit Luciano Pavarotti, aber auch Erlebnisse in jüngerer Zeit wie die CD-Aufnahmen mit Krassimira Stoyanova sind einfach motivierend. Oft spielt die Oboe kleine Phrasen mit den Sängern mit. Sie stehen mit dem Rücken zum Orchester, aber ich habe gelernt, an kleinsten Bewegungen abzulesen, wohin es musikalisch geht, um möglichst deckungsgleich mit ihnen zu sein.

Früher wurde bei den Oboisten zwischen deutscher und französischer Schule unterschieden. Wie war es bei Ihnen?

Der Beginn auf einem Püchner-Instrument bedeutete, dass ich nach deutschem System lernte. Das war eine vollautomatische Oboe, bei der im Unterschied zur Halbautomatik die Oktavklappe jeweils über eine Automatik bedient wird. Aber mein Professor war Schüler bei dem berühmten Oboisten Heinz Holliger – einem Schweizer, der in Frankreich unter anderem bei Pierre Pierlot ausgebildet worden war. Dadurch kam bei mir im Studium der französische Einfluss dazu; ich habe mir ein französisches Instrument angeschafft, das System der Halbautomatik und die damit verbundene, moderne Spieltechnik gelernt. Ich bin also von beiden Seiten geprägt. Meine Studenten heute spielen ohnehin auf der halbautomatischen Oboe. Auch die Schüler meiner Frau – sie ist ebenfalls Oboistin und unterrichtet auch Anfänger und Kinder − beginnen auf diesen quasi französischen Modellen.

Sie beherrschen zudem die Oboe dʼamore und das Englischhorn. Wie groß ist die Umstellung von einem Instrument zum anderen?

Sie ist durchaus gegeben. Meine erste Stelle war ja eine Englischhornstelle. Damals hatte ich mich natürlich sehr intensiv mit dem Instrument beschäftigt. Im Moment würde ich keine riskanten Soli am Englischhorn übernehmen, denn man muss gut eingespielt sein. Die Oboe dʼamore hingegen lief stets nebenher mit, weil ich seit dreißig Jahren – zum Beispiel im Orchester der KlangVerwaltung – immer wieder in Bachs Passionen und dem Weihnachtsoratorium mitwirke. Doch das Instrument ist kapriziös: vielleicht auch deshalb, weil die Oboe dʼamore nicht wirklich ein Orchesterinstrument ist und nicht so viel technisches Knowhow in sie investiert wird. Beim Münchner Rundfunkorchester spielt Florian Adam als stellvertretender Solooboist die großen Englischhornsoli wie etwa in Rossinis Ouvertüre zu Guillaume Tell. Aber wenn in einem Stück mal kurz zwei Englischhörner vorkommen, kann ich natürlich einen Part übernehmen.

Als Oboist braucht man eine gute Atemtechnik …

Ja, die muss man unabhängig von der Physis entwickeln, die man mitbringt. Eine Besonderheit bei der Oboe ist, dass man aufgrund des relativ kleinen Rohrs die Luft, die man zur Versorgung des Körpers eingeatmet hat, beim Spielen nicht vollständig ausatmet. Vor dem nächsten Einatmen muss man also – zum Beispiel in einer kleinen Pause − erst die verbrauchte Luft abgeben, sonst bekommt man einen roten Kopf. Man muss den Körper daran gewöhnen, nicht reflexartig zu früh einzuatmen. Das kann man mit Tonübungen und Etüden trainieren − und indem man verbindliche Atemzeichen in die Noten einträgt.

Würden Sie Ihren Beruf nochmal ergreifen?

Ja! Mir macht mein Beruf nach wie vor viel Freude – auch wenn es ein sehr dunkles Kapitel in der Geschichte des Rundfunkorchesters gibt: Das war 2004, an meinem 43. Geburtstag. Es stand eine turnusmäßige Besprechung des Orchestermanagers mit dem Vorstand an, dem ich angehörte. Doch stattdessen wurden wir in die Intendanz gerufen und erfuhren, dass das Orchester aufgelöst werden sollte. Das war ein sehr einschneidendes Erlebnis. Wir haben dann zusammen mit der Deutschen Orchestervereinigung, Anwälten und den Beteiligten hier im Haus um den Fortbestand des Orchesters in verkleinerter Form – und mit einem eigenen Tarifvertrag – gerungen. Große Unterstützung kam durch die Öffentlichkeit, sodass ein Umdenken stattfand und man einen Kompromiss gefunden hat. Das hat mich noch einmal ganz anders „ankommen“ lassen in dieser Stadt. Beim Konzert direkt nach dem Beschluss zur Auflösung stand das Publikum schon zu Beginn auf und applaudierte. So etwas ergreift einen schon, und ich bin bis heute dankbar für die Unterstützung! In den Konzerten versuche ich, etwas davon zurückzugeben; das ist Teil meiner Motivation.

Und wie definiert sich das Münchner Rundfunkorchester?

Der Name sagt es ja schon: Selbstverständlich ist das Orchester für das Publikum in ganz Bayern und für die Hörerinnen und Hörer im ganzen Sendegebiet da. Aber wir fühlen uns hier in München heimisch. Kultur ist in gewisser Weise ein Luxus. Doch wir spielen und produzieren sehr oft Musik, die man anderswo nicht oder nicht in dieser Form zu hören bekommt. Das ist ein Mehrwert für die Stadt – und für die Gesellschaft!

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