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Tonträger tragen Töne ins wohnzimmer

studioarbeit beim münchner rundfunkorchester

Von BR-KLASSIK-Reporterin Uta Sailer

Tontechniker bei der Arbeit 1967 (c) BR/Fred Lindinger
Fachgerecht wird der Ton für das Münchner Rundfunkorchester abgemischt (1967).

Was für ein herrliches Gefühl: auf dem Sofa sitzen, Füße hoch, eine Tasse Tee oder Kaffee in der Hand und dann die Lieblings-CD einlegen: Fritz Wunderlich oder Anna Netrebko. Alphorn- oder Klavierkonzert. Symphonic Rock oder antiker Orpheus. Das Münchner Rundfunkorchester macht’s möglich! Mehrere Hundert Musikwerke hat das Ensemble seit dem Jahr seiner Gründung 1952 eingespielt und für seine Fans auf Platte oder CD herausgebracht. Das Ergebnis ist außen glatt und glänzend, innen musikalischer Hochgenuss, der unter die Haut geht.

Gut aufgehängt: das Studio 1

Die meisten Aufnahmen des Münchner Rundfunkorchesters entstanden und entstehen im Studio 1 des Funkhauses – ein Saal, der keinen festen Boden unter den Füßen hat, sondern auf Federn gründet und sozusagen hängt. Aber keine Angst, die Musiker stehen auf festem Boden, wenn sie die Musik anstimmen. Und dabei sind sie gänzlich ungestört. Das Studio 1 ist bestens abgeschirmt gegen alle störenden Nebengeräusche. Ideale Bedingungen also für detaillierte Proben- und Produktionsarbeit. Die hat es in sich …

Fünf Tage für fünfundsechzig Minuten

Fünf Tage dauert es, bis eine Musik-CD mit etwa 65 Minuten Spielzeit produziert ist. Vieles von dem, was die Künstler sonst beflügelt und inspiriert, fehlt: das Publikum. Der Konzertsaal. Die „Live“-Stimmung. Die Musiker müssen die emotionale Power für das Musizieren aus sich selbst heraus schaffen – eine Zusatzanspannung zu den spieltechnischen Höchstanforderungen, die die Musik ohnehin an jeden einzelnen Künstler stellt. Andererseits bietet eine Studioproduktion die Möglichkeit der Wiederholung und der Nachbearbeitung. Live heißt: nur eine Chance. Im Studio gibt es eine zweite und auch eine dritte Chance. Zumindest normalerweise. Wenn aber einem Starsänger in einer Arie die Puste langsam ausgeht und er ankündigt, diese Stelle jetzt noch genau einmal zu singen, dann gibt es auch im Studio nur noch eine Chance.

Das Führerhäuschen für die Aufnahme liegt im Tonstudio, das als Glaskasten über der Bühne „schwebt“. Der Tonmeister „lenkt“. Er ist Musiker, Techniker, Psychologe und Manager in einer Person. Damit sich niemand langweilt bei den Aufnahmen, erstellt er vorab einen klugen Zeitplan und eine sinnvolle Reihenfolge für die Aufnahme der Einzeltracks. Zum ersten Aufnahmetag erscheinen alle bestens vorbereitet. Die Musiker haben geübt, der Dirigent weiß, was er will und auch der Tonmeister hat sich vorab durch die Partitur gegraben. Jedoch ausschließlich unter tonmeisterlichen Aspekten: Wo spielt wer? Wo gilt es, besonders aufzupassen wegen hoher oder extrem niedriger Lautstärke? Gibt es Zusatzinstrumente, die spezieller Behandlung bedürfen?

„Ich will mich überzeugen lassen“

Interpretatorische Gedanken sollte sich der Tonmeister aber besser nicht machen, findet der ehemalige Cheftonmeister des BR Wolfram Graul, das stünde einer fruchtbaren Zusammenarbeit allenfalls im Wege: „Ich will mich überzeugen lassen von der Idee, die der Künstler mitbringt!“

Diese Idee wird am ersten Probentag konkret. Während des Anspielens nimmt das Team der Tonregie unter der Federführung des Tonmeisters die Klangeinstellung vor. Dafür ist Fingerspitzengefühl angesagt: Welche Mikrofoncharakteristik ist nötig, um die gewünschte Klangfarbe eines Instrumentes oder der Stimme zu transportieren? Wo liegen die Möglichkeiten, wo die Grenzen des Solisten bzw. des Sängers? Was gibt der Raum akustisch her und was nicht?

RO Varady und Evangelatos 2000 (c) Kofman Onegin
Julia Varady im Studio 1 des Münchner Funkhauses (2000) an der Telefon-Hotline in die Tontechnik. Neben ihr: Daphne Evangelatos

Meckern erlaubt

Ziel der Klangeinstellung ist es, einen runden Gesamtklang zu finden, der alle Beteiligten zufrieden stellt. Die „Meckerfassung“ macht’s möglich: Ein ausgewählter Satz oder Werkausschnitt wird aufgenommen und anschließend von Tonmeister und Toningenieur dem Solisten, dem Dirigenten sowie einzelnen Musikern stellvertretend für das gesamte Orchester im Tonregieraum vorgespielt – ein Moment höchster Ruhe und Konzentration. Wenn etwas nicht gefällt, darf und soll gemeckert werden. Das ist der ideale Zeitpunkt, um eigene Wünsche loszuwerden: „Bitte mehr Erste Geigen, bitte die Stimme des Solisten etwas brillanter und direkter, bitte weniger bei den Blechblasinstrumenten!“ etc. Der Tonmeister berücksichtigt die Bedürfnisse der anderen im Einklang mit seinen eigenen Vorstellungen. Dann geht’s an die eigentliche Aufnahme. Satz für Satz. Track für Track.

Keine Angst vor Wiederholung

Geduld ist gefragt. Bei Studioproduktionen wird eine holprige Stelle so lange wiederholt, bis sie sitzt. Auch wenn einem die zu wiederholende Melodie schon fast zu den Ohren rauskommt. „Nochmal! Noch einmal bitte! Machen wir noch eine Fassung! Probieren wir es ein letztes Mal, bitte!“ Aber auch hier ist wieder Diplomatie gefragt, damit die Musiker ins Spielen kommen und nicht zu oft gestoppt werden. Wo ist noch Luft nach oben? Wo ist der Zenit überschritten? Wo bewegt man sich weg von der Verbesserung hin zur „Verschlimmbesserung“?

Festhalten – und Loslassen – eine Kunst nicht nur im Leben, sondern auch in der Musik

Nicht immer ist eine Unterbrechung ein Verbesserungsanlauf. Es kommt auch vor, dass das Abwinken ein Kniefall vor der Kunst ist. Wolfram Graul erinnert sich an folgende Szene: Eine ganz einfache harmonische Wendung in einem Duett von Mozart nimmt musikalisch schon vorweg, dass sich die anfänglich ablehnende Haltung der Dame plötzlich in Liebe wandelt – hier unterbrach Dirigent Kurt Eichhorn das Rundfunkorchester mitsamt Solisten und schwärmte: „Das ist die schönste Stelle, die Mozart je geschrieben hat.“ Um dann voller Ehrfurcht leise und nachdenklich hinzuzufügen: „Der hat nur solche Stellen geschrieben.“ Am Ende einer Produktionswoche hat der Tonmeister schließlich an die 400 Einzeltakes auf seinem Rechner. „Ich habe jetzt wirklich viel schönes Material!“, sagt er den Musikern, und die gehen ins Wochenende. Der Tonmeister aber ist dann noch lange nicht fertig. Drei- bis vierhundert Schnitte braucht es bei einer „normalen Studioproduktion“. Im Extremfall knackt der Tonmeister aber auch mal die 1000er Marke, so Wolfram Graul.

Das letzte Wort

Was und wie geschnitten wird, entscheidet am Ende der Tonmeister, auch wenn eine Produktion vor Veröffentlichung immer von Solist und Dirigent freigegeben werden muss. Sind Solist oder Dirigent nicht glücklich mit dem Ergebnis der Produktion, senden sie eine Korrekturliste an den Tonmeister. Manchmal kann das noch erhebliche Korrekturen bedeuten. Kompromissfähigkeit ist gefragt, wenn verschiedene Wünsche kollidieren, erzählt Pauline Heister, die amtierende Cheftonmeisterin beim BR. Es kommt schon mal vor, dass der Dirigent fordert, die Streicher nachträglich anzuheben, und der Solist findet, dass gerade an dieser Stelle sein Solopart viel zu leise sei …

Technik als Mogelpackung?

Technik ist verführerisch. Auch für die hohe Kunst. Was nicht ist, kann nachträglich gemacht werden: eine saubere Intonation, eine gute Klangbalance zwischen Solist und Orchester, ein knackiger Paukensound. Vorsicht ist geboten: Technik ersetzt keine Interpretation! Besteht berechtigter Verdacht, kann der Tonmeister auch mal zu deutlichen Worten greifen. Oder es formen sich Gedanken wie: „Wenn du, lieber Künstler, es so haben willst, wieso spielst du es dann nicht so!?“ Derlei bleibt aber meist im Kopf, aus Taktgefühl …
Wohlüberlegtes Nachbessern ist aber erlaubt. Schließlich soll am Ende des Prozedere ein Produkt stehen, das sich auch für mehrfachen Hörgenuss eignet. Ein Fehler im Konzert ist schnell vorbei. Ein Fehler auf CD kann einem beim fünfzigsten Hören die Nerven rauben. Was die Raumakustik betrifft, wird auch ein wenig „gemogelt“. Weil das Studio 1 klein ist, geben die Tonmeister „etwas Hall drauf“, künstlichen Raum, sodass die Aufnahme klingt, als sei sie in einem echten Konzertsaal entstanden. Auch davon profitieren wir, wenn wir im heimischen Wohnzimmer sitzen und uns wie in einem erstklassigen Konzertsaal fühlen.

RO und Mulo Francel Studio 1 2017 (c) Florian Lang
Das Münchner Rundfunkorchester bei der CD-Produktion mit Mulo Francel & Friends − Mocca Swing. Damit sich alle gegenseitig gut hören, wird den Musikern die Band per Kopfhörer zugespielt.

Tonmeister – Meister des richtigen Tons

Der Tonmeister hat den richtigen Ton zu treffen und das gleich in doppelter Hinsicht. Den richtigen Ton der Musik und den rechten Ton im Umgang mit den Künstlern. Wie sage ich einem berühmten Sänger, dass er das „hohe C“ nicht sauber intoniert? Wie vermittle ich einem Stardirigenten, dass seine Einsätze wackeln? Wie kommuniziere ich einem Tuttistreicher, dass er klanglich aus der Gruppe fällt? Pauline Heister zählt Empathie zu den wichtigsten Eigenschaften eines Tonmeisters. Der sollte sich in den Künstler und dessen durchaus druckvolle Situation hineinversetzen können. Hat der Tonmeister sensible Themen anzusprechen, wird er das dem Künstler keinesfalls über Lautsprecher sagen, sondern über ein spezielles Telefon. Spricht er aber zu viel über Telefon mit dem Solisten oder Dirigenten, fühlen sich die Orchestermusiker ausgeschlossen. Alles in Maßen! Hinhören, spüren, abwägen, achtsam kommunizieren – das sollten Basics sein im Verhaltenskodex eines Tonmeisters. Verbunden mit Führungskompetenz und innerer Ruhe, die auch, wenn es turbulent wird, nicht schwindet.

„Sie fühlt sich zuhause, wenn sie zu uns kommt“

Wolfram Graul, der Vorgänger von Pauline Heister als Cheftonmeister beim BR, betont, wie wichtig ein Vertrauensverhältnis zwischen Musiker und Tonmeister ist. Er sagt, die beste Voraussetzung für eine gelungene Produktion sei, dass man sich kennt und schätzt. Als Beispiel nennt er die Sängerin Vesselina Kasarova, mit der er jahrelang für das Münchner Rundfunkorchester zusammengearbeitet hat. „Sie fühlt sich zuhause, wenn sie zu uns kommt.“

Das Münchner Rundfunkorchester hatte und hat neben Vesselina Kasarova viele weitere berühmte Künstler an seiner Seite, wenn es Studioproduktionen oder Konzertmitschnitte aufnimmt: darunter etwa der Tenor Plácido Domingo, die Sopranistin Anna Netrebko, der Tenor Klaus Florian Vogt, der Bariton Michael Volle oder damals die Tenorlegende Fritz Wunderlich, die Sopranistin Mirella Freni und der Bariton Hermann Prey. Die Tonmeister begegnen diesen Stars der Musikwelt auf Augenhöhe, weil eine produktive Zusammenarbeit nur so möglich ist. Im Idealfall sehen sich auch die Dirigenten mit den Musikern auf Augenhöhe. Stefana Titeica, seit mehr als dreißig Jahren Geigerin im Münchner Rundfunkorchester, erinnert sich an einen der von ihrem Orchester besonders gern gesehenen Gäste – Plácido Domingo.

Als er einst das Münchner Rundfunkorchester nicht singend, sondern dirigierend beehrte, war er unzufrieden mit einer Stelle und bemerkte: „Ich glaube, Sie können diese Stelle besser spielen. Ich denke, es liegt an mir. Spielen Sie einmal ohne mich.“ Gesagt – getan. Das Orchester musizierte die besagte Stelle, eine Gewitterszene, ohne Dirigent Domingo. Der war hingerissen und entschied, diese Passage für die Aufnahme genau so zu belassen. Größe eines Meisters, der weiß, was er kann. Und der auch weiß, was andere können.

Anna Bonitatibus mit dem RO 2016 (c) Markus Konvalin
Anna Bonitatibus und das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Corrado Rovaris anlässlich einer CD-Studioproduktion von 2016

Offenheit als Programm

Hat das Münchner Rundfunkorchester bis in die 1990er Jahre hinein in erster Linie Opern- und Operettengesamteinspielungen produziert – bis zu acht Stück in einem Jahr –, so ist es heute offen für unterschiedlichste Genres. Das Münchner Rundfunkorchester produziert Crossover-CDs, Musik-CDs für Kinder, Soundtracks zu Kinofilmen und neue geistliche Musik zusammen mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks im Rahmen der Konzertreihe Paradisi gloria. Nach wie vor aber bilden Sängerporträts und Opern- / Operettenraritäten, die besonders der ehemalige Künstlerische Leiter Ulf Schirmer vorangetrieben hat und vom neuen Chefdirigenten Ivan Repušić fortgesetzt werden, den größten Teil der kostbaren Schatztruhe an CD-Einspielungen des Münchner Rundfunkorchesters – heute meist nicht mehr im Studio produziert, sondern als Livemitschnitt von Konzerten: große Stimmen für jede Stimmung.

RO Mulo Francel Studio 1 2017 (c) Florian Lang
Blick über die Schultern: Tonmeister mit Kopfhörer, Sprechanlage und Noten. Davor sitzt der Toningenieur am Mischpult.