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StartseiteHome Interview Ivan Repusic 2018

Chancen für die Klassik nutzen

Doris Sennefelder im Gespräch mit Chefdirigent Ivan Repušić

(aus der Saisonbroschüre 2018/2019)

Interview mit Ivan Repusic (c) Lisa Hinder

Ivan Repušić, seit September 2017 sind Sie Chefdirigent des Münchner Rundfunkorchesters, mit dem Sie inzwischen von der konzertanten Oper über moderne geistliche Musik in der Reihe Paradisi gloria bis hin zur Silvestergala ganz unterschiedliche Programme präsentiert haben. Wie ist Ihr Gefühl, wo stehen Sie mit dem Orchester?

Wir sind dabei, uns immer besser kennenzulernen − von der künstlerischen und auch von der menschlichen Seite her, was sehr wichtig ist. Es war von Anfang an klar, dass wir uns musikalisch gut verstehen und bereit sind für eine noch engere Beziehung …

… in der man sich ohne Worte versteht.

Das wäre am besten! Ein Dirigent muss Souveränität ausstrahlen, und er sollte versuchen, alles mit seinen Gesten zu zeigen und wenig zu sprechen. Die Worte, die er benutzt, sollten motivierend sein und das mitteilen, was man über die Körpersprache nicht vermitteln kann. Auch Fantasie ist gefragt, um in Bildern zu beschreiben, wie es klingen soll. Es ist wie ein Mosaik: Ich nehme auf, was das Orchester mir anbietet, und umgekehrt. Dann ergibt sich eine Harmonie, ein Akkord aus verschiedenen Tönen und Farben. Natürlich muss man als Dirigent auch ein Gefühl für die Struktur haben und sich stilistisch in der Musikgeschichte auskennen. Das alles gehört zur Vorbereitung. Aber am Wichtigsten ist die emotionale Seite. Das Publikum bemerkt sofort, ob Dirigent und Orchester eine Einheit sind.

In Ihrem Antrittskonzert als Chefdirigent stand Verdis Luisa Miller auf dem Programm. In den Proben dazu haben Sie mit dem Orchester intensiv am Klangbild gefeilt. Welches Ideal haben Sie dabei verfolgt?

Ich wollte Verdis Stil gegenüber loyal bleiben. Seine Sprache ist sehr klar. Und die Dramatik in seinen Opern beruht auf dieser speziellen Verbindung von Text und Musik, auf dem Ausdruck, den die Sänger in jede Phrase legen. Das Orchester darf nicht einfach nur begleiten, sondern muss richtig mitgehen. Die frühen und weniger bekannten Opern von Verdi sind in ihrer Struktur manchmal einfacher als die späten Werke; man kennt ja diese typische Begleitung „alla chitarra“, wie mit einer großen Gitarre. Aber je mehr frühe Werke von Verdi ich dirigiere, desto mehr merke ich, wie schwierig sie sind − wie Mozart-Opern. Es ist eine große Herausforderung für die Sänger und noch mehr für das Orchester.

Inwieweit können Sie auf der bisherigen Erfahrung aufbauen, wenn Sie nun weitere frühe bzw. unbekanntere Verdi-Opern ins Programm nehmen? Luisa Miller war ja immerhin Verdis vierzehnte Oper, mit I due Foscari geht es nun ein paar Jahre zurück zu seinem sechsten Bühnenwerk.

Lassen Sie mich zuerst erklären, warum wir diesen Zyklus machen. Unser Ziel ist immer ein Spielplan, der für das Publikum interessant und für die Entwicklung des Orchesters gut ist. Marcello Viotti hat in seiner Zeit als Chefdirigent viel italienische und französische Oper gebracht, Ulf Schirmer ist mit seinem Lehár-Zyklus oder Uraufführungen in der Reihe Paradisi gloria in eine andere Richtung gegangen. Mir ist aufgefallen, dass in den letzten zwanzig, dreißig Jahren wenig Verdi-Opern in den Sonntagskonzerten gespielt wurden. Es gab Aufführungen von Ernani und Macbeth, außerdem eine eigene Fassung von Rigoletto, aber das war es fast schon. In der Saison 2017/2018 hatten wir die Sopranistin Marina Rebeka als Artist in Residence zu Gast, und es bot sich an, Luisa Miller mit ihr zu machen. Frühe Verdi-Opern werden an den großen Häusern selten gespielt. Unsere Besetzung mit rund 55 Musikern ist optimal für diese Werke. Ihre Klangsprache stellt große Anforderungen an das Zusammenspiel und verlangt alles, was „gesund“ für das Orchester ist. Wir werden I due Foscari in einer fantastischen Besetzung aufführen: mit Leo Nucci als Francesco Foscari, außerdem mit Guanqun Yu, die schon bei den Salzburger Festspielen die Lucrezia gesungen hat, und mit Ivan Magrì, der auch bei Luisa Miller dabei war. Gute Sänger sind die Grundvoraussetzung, sonst ist es nicht zufriedenstellend, egal wie gut das Orchester spielt oder der Chor singt.

Ivan Repusic (c) Lisa Hinder

Sie haben im Lauf Ihrer Karriere immer wieder Werke von Verdi dirigiert, in Ihrer Heimat Kroatien ebenso wie aktuell im Rahmen Ihrer weiteren Positionen als Generalmusikdirektor an der Staatsoper Hannover und als Erster ständiger Gastdirigent an der Deutschen Oper Berlin. Wird das vom Publikum gewünscht – oder sind Sie vielleicht auch selbst ein bisschen Verdi-süchtig?

Beides. Ich liebe Verdi und habe schon 13 Opern, also fast alle wichtigen Bühnenwerke von ihm geleitet. Ein besonderes Erlebnis war außerdem das Konzert zu Verdis 199. Geburtstag beim Festival in Parma. Verdi hat mich immer auf meinem Weg begleitet, auch wenn das nicht bewusst geplant war. Bei meinem Diplom-Abschluss habe ich La traviata und die Symphonie fantastique von Berlioz dirigiert. Dann kamen die Aufführungen beim Sommerfestival in Split: eine mediterrane Stadt − das Publikum dort liebt die italienische Musik. Aida ist sozusagen eine Trademark des Festivals. Seit Jahrzehnten gastieren dort die berühmtesten Sänger. Es gab wunderschöne Aufführungen auf dem Peristyl, einem mit Säulen umgebenen Platz im 1700 Jahre alten Diokletian-Palast. Schon als Student war ich sehr beeindruckt davon. Als Generalmusikdirektor an der Staatsoper Hannover habe ich jetzt die Chance genutzt, mehr deutsches Fach zu dirigieren − Strauss und Wagner. Zuerst dachte ich, mein südländisches Temperament verträgt sich vielleicht nicht mit Wagner. Aber ganz im Gegenteil! Und den Tannhäuser an der Deutschen Oper Berlin zu machen − das war überwältigend.

Bei Ihrer Berufung als Chefdirigent des Münchner Rundfunkorchesters haben Sie angekündigt, den osteuropäischen Raum musikalisch mehr in den Blick nehmen zu wollen. Werden Sie das jetzt verwirklichen?

Ich sehe einen gewissen Raum für die Musik Osteuropas. Und mir ist wichtig, dass wir den Begriff des Brückenschlagens, den wir in den Mittelpunkt der Konzertreihe Paradisi gloria gestellt haben, insgesamt nicht nur auf die Musik beziehen, sondern auch auf die Auswahl der Solisten und die Kontakte, die wir knüpfen. Ich sehe uns als Kulturbotschafter, die dafür sorgen, dass die Menschen sich durch die Musik verbinden. Oder wie es in Beethovens Neunter Symphonie heißt: „Alle Menschen werden Brüder.“

Mit Jakov Gotovacs Oper Ero der Schelm steht ein bedeutendes Werk eines kroatischen Komponisten auf dem Programm.

Eine komische Oper mit folkloristischen Elementen, die bestens in die Reihe der Sonntagskonzerte passt! Und beim Schallplattenlabel cpo, mit dem das Münchner Rundfunkorchester zusammenarbeitet, bestand seit Langem der Wunsch, das Werk aufzunehmen. Denn es gibt nur eine alte kroatische Einspielung. Als der Produzent hörte, dass ich Kroate bin, war er begeistert; da konnte ich nicht nein sagen. In München gibt es ungefähr 70.000 Einwohner mit kroatischen Wurzeln. Ich bin gespannt, was man sagen wird, wenn sie hören, dass wir Ero der Schelm aufführen! Es ist die meistgespielte Oper in Ex-Jugoslawien, nicht nur in Kroatien. Außerdem wurde sie in neun Sprachen übersetzt. 1935 war die Uraufführung in Zagreb, 1938 die deutsche Erstaufführung in Karlsruhe, 1940 kam das Werk in Berlin heraus, 1942 in München unter der Leitung von Heinrich Hollreiser und in der Inszenierung von Rudolf Hartmann. An der Bayerischen Staatsoper wurde das Stück 24 Mal gespielt, und Clemens Krauss, der damalige Generalmusikdirektor, schätzte es sehr.

Ivan Repusic (c) Lisa Hinder

Worum geht es in Ero der Schelm?

Es geht um das Leben in einem Dorf in Dalmatien: Einfache Leute, der Vater steht als Patriarch an der Spitze der Familie, die Frauen haben sich unterzuordnen. Aber wie findet man die Liebe, wenn die Eltern entscheiden, wen man heiratet? So war das bis vor fünfzig, sechzig Jahren tatsächlich noch. Da kommt also Ero − man weiß nicht recht, woher. Ein reicher Mann, aber er hat schlechte Erfahrungen mit Frauen gemacht, die ihn nur des Geldes wegen heiraten wollten. Deswegen taucht er unter falschem Namen auf und macht sich einen Spaß mit den naiven Dorfbewohnern. Eine Handlung mit viel Witz! Wir haben eine rein kroatische Besetzung verpflichtet – nicht nur wegen der Aussprache. Man muss wissen, was man singt, und diesen Lebensstil kennen, um es richtig darzustellen.

Wie ist die Musik in dieser Oper?

Tonal und sehr folkloristisch – vergleichbar Smetanas Verkaufter Braut. Der Gesang wirkt an manchen Stellen fast wie Sprechgesang. Das Melos ist teils osteuropäisch, teils mediterran, manchmal sogar ein wenig rustikal. Der Tanz am Ende – genannt Kolo − ist sehr effektvoll, auch schwierig zu spielen, aber fantastische Musik. In Kroatien kennt das jeder. Jakov Gotovac ist ein Komponist des 20. Jahrhunderts, doch seine Tonsprache ist gut hörbar. Sie passt wunderbar zu dieser Geschichte und beschreibt sehr gut das Temperament der Figuren. Natürlich wurde Gotovac auch kritisiert. Es gab Komponisten, die den Weg von Schostakowitsch und Prokofjew weiterverfolgen wollten oder sich für die Zwölftonmusik interessierten. Aber er hat das abgelehnt und ist bei seiner eigenen Sprache geblieben. Das hat das Publikum honoriert. Am Nationaltheater in Zagreb wurde Ero der Schelm Anfang 2018 zum 800. Mal aufgeführt.

Kroatien ganz allgemein stößt derzeit auf großes Interesse: Es boomt als Reiseland, die ARD sendet einen Kroatien-Krimi …

… und der Musical-Film Mamma Mia 2 mit der Schauspielerin Meryl Streep, der eigentlich in Griechenland spielt, wurde auf der kroatischen Insel Vis gedreht! Woher das momentane Interesse an Kroatien kommt, kann ich nicht erklären. Aber das Land ist wirklich schön: das Adriatische Meer mit (noch) sauberem Wasser, die Küste, die unzerstörte Natur … Ich hoffe, dass das so bleibt. Es gibt viele Inseln, gutes Essen, aber auch Kultur: Der Einfluss von Italien war an der Küste Dalmatiens sehr stark, während Zagreb von der Österreichisch-Ungarischen Monarchie geprägt war. Meine Familie wohnt jetzt in Split in der Nähe des historischen Diokletian-Palasts, aber in einer Autostunde erreichen wir die Berge zum Skifahren. Die Lage ist optimal – ähnlich wie in München! Wenn ich hier bin, stehen natürlich vor allem Proben, Konzerte und andere Termine an. Aber zwischen der Generalprobe und der Aufführung von Luisa Miller haben meine Frau und ich mit dem Fahrrad den Englischen Garten erkundet. Außerdem haben wir die bayerische Küche probiert und leckeren Kuchen gegessen. Wir sind da anspruchsvoll: Wenn man an der Küste wohnt und jeden Tag frischen Fisch bekommen kann, ist man verwöhnt. Es ist uns wichtig in der Familie, gesund zu essen, und wir haben in Kroatien noch die Möglichkeit, frisches Obst und Gemüse ohne Pestizide vom Land zu beziehen.

Ivan Repusic (c) Lisa Hinder

Wie gelingt es Ihnen, in Ihrem Beruf die „Bodenhaftung“ zu bewahren?

Es ist nicht immer leicht, die Karriere als Musiker mit dem normalen Leben zu vereinbaren, denn man ist viel unterwegs. Aber was bedeutet Karriere? Dass man an der Mailänder Scala oder bei den Berliner Philharmonikern dirigiert? Ich finde es wichtig, einfach gute Musik zu machen, egal wo man ist. Ständig unter Stress zu stehen und keine Zeit für Privates zu haben − das wäre schade. Ich versuche beides zu verbinden. Denn ich bin nicht nur Musiker, sondern auch Ehemann und Vater von drei Töchtern. Ich bin mir sicher, dass man die Musik umso besser versteht, je mehr man das Leben kennt. Das Schlimmste im Bereich der Kunst ist es, sich vergleichen zu wollen, nach dem Motto: „Wie haben das die anderen jungen Dirigenten geschafft, schon Chef in Los Angeles oder Amsterdam zu sein?“ Dann steht man immer unter Druck. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen.

Nach Marina Rebeka wird in der Saison 2018 / 2019 der Schlagzeuger Simone Rubino – ehemaliger Preisträger beim ARD-Musikwettbewerb – Artist in Residence des Münchner Rundfunkorchesters sein. Was versprechen Sie sich davon?

Es war von Anfang an mein Wunsch, dass wir mit Künstlern zusammenarbeiten, die nicht nur für ein Konzert kommen, eine fertige Interpretation abliefern und dann wieder abreisen, sondern dem Orchester enger verbunden sind. Simone Rubino wird nicht nur als Solist bei Paradisi gloria und in der Reihe Mittwochs um halb acht auftreten, sondern auch mit unserer Schlagzeuggruppe ein Kammerkonzert gestalten.

Im Paradisi-gloria-Konzert mit Simone Rubino treffen Werke von Tōru Takemitsu auf eine Bach-Bearbeitung, und auch im ersten Konzert der Reihe, das Sie selbst dirigieren, wechseln sich Alte Musik und Kompositionen des 20. Jahrhunderts ab. Welche Bedeutung haben für Sie die Werke Bachs? Und wie passt das zu modernen Stücken?

Bach ist das Alpha und das Omega für alle nachfolgenden Komponisten, er ist ein eigenes Universum. Ich liebe seine Choräle und spiele sie immer wieder gerne am Klavier, wenn ich allein bin und Inspiration brauche, oder ich höre eine CD mit Werken von Bach. Bei Paradisi gloria wollen wir Brücken nicht nur zwischen den Ländern, sondern auch zwischen den Epochen aufzeigen, also zum Beispiel zwischen Barock oder Klassik und zeitgenössischer Musik. Dabei greifen wir Themen auf, die solche Verbindungen erlauben, wie den Psalm „De profundis“, das Thema Rosenkranz oder das Thema Requiem.

Welche Ideen und Pläne haben Sie für die zukünftige Entwicklung des Münchner Rundfunkorchesters? 

Wir sind jetzt schon sehr vielseitig. Unsere Aufgabe ist natürlich nicht das große symphonische Repertoire, aber wir denken über eine Weiterentwicklung für die Zukunft nach. Und wir müssen die Gelegenheit nutzen, unsere Programme auch in andere Länder zu tragen. In der Spielzeit 2018/2019 gastieren wir unter anderem in Zagreb mit Opernchören sowie in Budapest mit I due Foscari. Wichtig für das Orchester ist auch, neue technologische Entwicklungen und die Möglichkeiten der Social Media zu nutzen und den großen Schatz der Klassik so zu präsentieren, dass man junge Leute und neue Fans gewinnt.

Zur Biografie von Ivan Repušić

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