Henry Raudales, Erster Konzertmeister © BR/Markus Konavlin

Henry Raudales

1. Violine
Erster Konzertmeister

Seit September 2001 ist Henry Raudales Erster Konzertmeister im Münchner Rundfunkorchester.

Der belgische Geiger und Dirigent Henry Raudales stammt aus Guatemala, wo er im Alter von vier Jahren ersten Violinunterricht von seinem Vater erhielt. Mit neun trat er in den USA als Solist in Mendelssohns e-Moll-Konzert auf. Später studierte er am Konservatorium in Antwerpen und an der Guildhall School in London. Er war Preisträger beim Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel und musizierte mit Künstlern wie Yehudi Menuhin, Henryk Szeryng und Nigel Kennedy.

Henry Raudales war Erster Konzertmeister an der Königlich-flämischen Oper und bei den Essener Philharmonikern. Seit 2001 hat er dieselbe Position beim Münchner Rundfunkorchester inne. Er beherrscht ein solistisches Repertoire von rund hundert Konzerten und ist auch als Kammermusiker sehr erfolgreich. Mit seinem Ensemble Enkabara etwa trat er weltweit auf. Zudem übernimmt er dirigentische Aufgaben live und im Aufnahmestudio.

Mit dem Münchner Rundfunkorchester hat Henry Raudales als Solist und Dirigent viele Einspielungen für Rundfunk und Tonträger realisiert; so ist er u.a. mit dem Solopart in Respighis Concerto gregoriano und demjenigen in Mendelssohns frühem d-Moll-Violinkonzert auf CD zu hören. Bei der Aufnahme eben dieses Mendelssohn-Albums, das auch alle zwölf Streichersymphonien des Komponisten umfasst, oblag Henry Raudales zudem die musikalische Leitung. Im Rahmen einer zweiteiligen CD-Serie hat er sich um das Schaffen des Komponisten Carl Reinecke verdient gemacht. Darüber hinaus traten Henry Raudales und das Münchner Rundfunkorchester mit neuartigen Formaten für ein junges Publikum in Erscheinung. Nach dem Live- und TV-Event „Sound Visions“ bildete dabei auch in einem Video zum World Violin Day 2023 Musik von Antonio Vivaldi die Grundlage für spannende Klangexperimente.

CDs mit Henry Raudales

Interview mit Henry Raudales

Henry Raudales, Sie stammen aus Guatemala und erhielten im Alter von vier Jahren ersten Violinunterricht von Ihrem Vater, der Konzertmeister in verschiedenen amerikanischen Orchestern und Direktor des Konservatoriums in Guatemala war. Ist das Geigenspiel für Sie tatsächlich ein Spiel gewesen – oder war es von Anfang an auch der „Ernst des Lebens“?

Es war sehr hart, gerade im Vergleich damit, wie meine Frau und ich jetzt unsere eigenen Kinder unterrichten. Sie üben jeden Tag – teilweise auch nach dem System, nach dem ich selbst Geige gelernt habe. Aber das Spielerische, das wir einbauen, habe ich als Kind nicht gehabt. Mein Vater gehörte noch der „alten Schule“ an und hat unter anderem Violine bei Zino Francescatti und Henryk Szeryng sowie Dirigieren bei Erich Kleiber studiert. Das war eine goldene Zeit damals, als viele Europäer nach Guatemala kamen. Doch die Menschen hatten eine ganz andere Einstellung als heute. Mein Vater hat mir vorgegeben, wann ich zu üben hatte, meine Kinder sagen: „Nein, Papa, jetzt nicht.“ Ich musste jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit beginnen. Und immer nur Technik: Tonleitern, Terzen, Dezimen. Einem Kind macht das keinen Spaß. Doch für meinen Vater war Musik sein Leben. Wenn ich morgens aufwachte, hatte er schon eine Schallplatte aufgelegt: die Violinkonzerte von Julius Conus, Louis Gruenberg oder Erich Wolfgang Korngold, also das ganze Repertoire von Jascha Heifetz, Symphonien von Beethoven, denn das war sein Lieblingskomponist, oder auch Oper. Seit ich mich erinnern kann, war das auch mein täglich Brot. Und die Geige war von Anfang nicht nur ein Instrument, sondern eine Stimme, ein Mittel der Identifikation, etwas, womit man Gefühle ausdrücken und eine Geschichte erzählen kann. Damit verbunden ist die Frage nach der Tradition: Woher kommt die Musik, was bedeutet sie? Das habe ich als Kind natürlich noch nicht vollkommen verstanden, aber irgendwie gespürt. Jedenfalls konnte ich aufgrund dieses Hintergrunds schon sehr früh als Solist mit Orchester auftreten: Mit fünf Jahren spielte ich den Gold und Silber-Walzer von Lehár fürs Fernsehen in Guatemala, mit sieben das Moto perpetuo von Paganini mit der North Carolina Symphony, mit neun das berühmte Mendelssohn-Violinkonzert, mit zehn das Zweite Violinkonzert von Wieniawski, dann Paganini, Tschaikowsky …

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